Eine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur das Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in einen Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammenfassenden Schlusse: ‚Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die kompliziertesten, phantastischesten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschengehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, daß man sich keine Grausamkeit, keine Ungerechtigkeit, keine Niedertracht ausdenken kann, die nicht begangen worden wäre, und daß, außer diesem Vorstellbaren zahllose Schandtaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder, der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zuchthause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein robustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch, ein Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und auch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzigtausend Kriegsselbstmördern waren — und in den Irrenhäusern und Zuchthäusern sind — die anständigsten, edelsten Menschen unseres Volkes.‘
Da riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter aus der Tiefe des Gefühlstrichters heraus. Im selben Moment sah er, daß eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. „Einer aufgewacht!“ Stürzte hinüber in die Leichenhalle.
Und wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung: ‚tot ist tot; und lebendig ist lebendig‘, von einem gewaltigen Schrecken in den Türrahmen festgenagelt:
denn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen aufrecht auf den Pritschen.
Schneller, als die Frage: ‚Sind die Gasleichen vielleicht infolge der ganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?‘ in seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten Schläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke zwischen die Lippen. „Tief einatmen!“ Und rannte zum Apparat zurück, drehte die Kurbel.
Die mächtige Totenglocke läutete weiter.
Ein Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen Ferne des Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halbgeschlossenen Augenlidern des Philosophen.
Die weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder bei Bewußtsein war, noch nicht erlangt.
„Tief . . . gleichmäßig und tief . . . einatmen und ausatmen . . . und einatmen“, bat der kurbelnde Wärter.
Die summenden Horizontalventilatoren bestimmten das Atemtempo. Die achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben — wie an den Fronten die Heldentoten ihre noch mordenden Kameraden — bleich und blau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei Atmenden.