Der Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: ‚Ich hatte die Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war . . . tot im Leichenschauhause gelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie mich wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um ihn für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch Christus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch einmal gekreuzigt.‘ Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte noch immer zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.
Während er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am Schreibtisch bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und Idee dem Kasernenhofgeist entgegengesetzt waren.
„Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!“ Der Wärter schaltete den Strom für den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,
sprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die Wiedererwachten zu kochen.
Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohrenbetäubend.
Elementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als sie die dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasserleiche, den Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte.
Vom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt; sie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das Leben aufrecht auf der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus.
Und plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand in Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: der Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung seiner Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert zu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den Wahnsinn hineinzugleiten.
Der Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Verdienst und Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körperliche Schläge schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder folgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ältlichen Mädchen, die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgenlos und mit äußerlichem Glanze umgeben im Leben stehen können, sich für einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine der ewig gleichen Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre Brautausstattung — einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen, dann die Matratzen, hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung — allmählich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon still geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben liegt, dem Bräutigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine folgen.
Dieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der Bräutigam war zerstampft worden.