‚Auf dem Felde der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für Kaiser und Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen‘, dachte der Leichenwärter.

Und der Philosoph dachte: ‚Zwei sehen einander, werden miteinander bekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später kennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der andere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. Denn jeder gibt sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu erfahren, wie und wer er selbst ist. Wie könnte er da die Fähigkeit besitzen, zu erkennen, wer ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im Leichenschauhause zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozusagen als Geschwister von der ‚Allmutter Nichts‘ neu geboren werden —‘

Der Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwassereinrichtung mit den vernickelten Hähnen und der großen, weißglasierten Schüssel darunter. ‚Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben in unserer Wohnung.‘

Der Wärter kam mit dem Tee zurück. „Sie atmen nicht?“

„Sagen Sie mir“, fragte der Philosoph dagegen, „für was ist denn eigentlich die Dampfheizung nötig in diesem Hause, wo doch für einen glatten Betrieb die erste Grundbedingung ist, daß alles . . . frisch bleibt?“

„Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker muß er getrunken werden . . . Wenn ich in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein Grad über Null nicht beibehalten könnte, müßte ich ja die Wasserleichen von den Pritschen loseisen.“

„Also alles bedacht! Hier wenigstens ist für alles gesorgt, wie?“

„Ja, hier fehlt nichts . . . Die Organisation für die Toten ist bei uns einwandfrei. Und die Organisation für das Massensterben ist, wie wir jetzt zugeben müssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.“

„Sie sind also auch gegen den Krieg?“ Der Philosoph betrachtete die achtzehn Selbstmörder, die blauzüngig, starrgesichtig und stumm gegen den Krieg protestierten. „. . . Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein pazifistischer Schlupfwinkel.“ Er stieg von der Pritsche herunter.

Die Ladnerin hatte das Mundstück noch zwischen den Lippen, sah aus wie ein Kind, das in ein Spielzeug bläst.