Da fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in sein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz Gottes, als er dachte:

‚Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und das höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das ‚Reine Ich‘ und eine menschliche Gemeinschaft, für die er als Reines Ich handeln, leben und auch sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so lange zustreben, solange er mit der Korruption, der Lüge, dem Zwange, dem Ungeiste unablässig kämpft. In dem Moment, da er eine Handlung begeht, die zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie gebrochen. Der Mensch, der für eine, für seine Idee kämpft und stirbt, ist groß, denn er kämpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im Kampfe um sein Reines Ich. Der Mensch, der sich zwingen läßt, zu handeln, zu kämpfen, zu sterben für eine Idee, die zu dem Streben nach seinem Ich im Widersprüche steht, ist der Ärmste der Armen; denn er verliert das Kostbarste, das einzige, das der Mensch in Wahrheit besitzen kann: verliert sein Ich, verliert sich, ist nicht mehr, wird von den andern, die selbst nicht sind, besessen.‘

In Gedanken las er das Wort ‚Stellungsbefehl‘.

‚. . . Wenn ich dieser Aufforderung, mich zu stellen — wem stellen? ich habe mich nur mir selbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer menschlichen Gemeinschaft nur dann, wenn sie das Streben der Menschen nach ihrem Ich als berechtigt anerkennt und fordert — wenn ich dieser Aufforderung folge, werde ich, zusammen mit einer Reihe von Menschen, vermutlich zuerst im Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz herrscht: ‚Du hast keine eigene Meinung zu haben‘. Und der Grundsatz: ‚Macht und Gewalt stehen über Geist und Recht‘. Ein Unteroffizier, ein Vorgesetzter — nur das Reine Ich ist mein Vorgesetzter — ein Unteroffizier, ein Mensch, der sich, der sein Selbst aufgegeben hat, also nicht mehr ist, ein Etwas wird im Auftrage derer, die ihn besitzen, sagen: ‚Das dürft ihr nicht tun; und das müßt ihr tun.‘ Ich werde also gezwungen, irgend etwas zu tun, oder nicht zu tun. Gezwungen! Das heißt: ich werde schlecht behandelt, eingesperrt, oder erschossen, wenn ich mich diesem Zwange nicht füge. Mit andern Worten: ich werde erschossen, wenn ich weiter gehe auf dem Wege, der zur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich führt . . . Ich werde erschossen, wenn ich mich bemühe, so zu sein, wie ich bin!‘

Der Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers reglos am kalten Gasherd saß, vom Dunkel schon halb verschlungen.

„Weißt du, was Militarismus ist?“

Sie wollte antworten: ‚Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir haben, genommen, erschlagen wird.‘ Und sagte: „Du meinst die Schiffe, die Kanonen . . . die Rüstungen.“ Sie konnte nicht weinen.

„Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld und Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was Militarismus ist. Gefährlich und tötlich ist der geistige Zwang, der negative Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfall erklären, was Militarismus ist.“

‚Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir begreiflich zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzubringen‘, fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwände zerflattern.

„Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen haben das berichtet: