Ein deutscher Soldat, der ein Stück der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah, wie ein Mensch über die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war, hörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen zu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn verwundete oder erschoß, das Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das war seine . . . Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese . . . Pflicht. Er wollte nicht schießen und . . . schoß. Sah, wie der Getroffene fiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Widerstand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen sein; aber die Disziplin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der einen Seite, repräsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und auf der andern Seite, gleichfalls repräsentiert durch diesen Soldaten, den Militarismus.“
Die Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.
„Du meinst“, sagte der Philosoph, „der Soldat hätte ja nur so zu tun brauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann sozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die Disziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen mit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, nicht zu . . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von seinen Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu werden. Dieses falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke herausgebildet hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen einen gutgezielten tötlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre; ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig . . . Dieser arme, bedauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt, trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.“
„Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.“ Das hatten nur ihre Lippen gesprochen.
„Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was Militarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen Bauern zu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal, weshalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl, in dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entfernt liegende Dorf zu führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das heißt, sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehrlosen alten Mann zu erschießen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, und der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in einer Sprache, die der Soldat nicht versteht, und mit Tränen und Gebärden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der Soldat, während er neben dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen, hinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat für sich persönlich folgende Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten nieder, und dann erschoß er sich selbst . . . Jetzt meinst du vermutlich wieder: wenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem eigenen Ich, nicht zuließ, den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst zu erschießen, hätte er doch wenigstens nur sich selbst erschießen und den Alten laufen lassen sollen . . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin, wäre ja eine Pflichtverletzung und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des Zwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als gegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet empfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese erleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und den Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und können sich nicht vor ihm retten. Millionen andere — nicht nur die Soldaten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl — haben, zwar nicht vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen Selbst — das Recht, im Dienste dieses Geistes zu kämpfen, Menschen zu ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben, nicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein Vaterland, für den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten zu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Geiste getränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total ertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen. Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich moralisch zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern denkunfähige, seelenlose, unverantwortliche Automaten, die funktionieren . . . Verstehst du jetzt, daß es sehr schwer sein wird, den Militarismus umzubringen?“
Er bekam keine Antwort; die Frau war ganz plötzlich, von einer Sekunde zur andern, eingeschlafen.
Unter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor Einsamkeit.
Erst Minuten später betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden, das den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.
Sie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren werden kann, dachte der Philosoph. Und wußte plötzlich: ‚Sie ist eingeschlafen, weil sie erkannt hat, daß sie selbst eines dieser Wesen ist, die zu eigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen durften.‘
Wilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drückte des Philosophen Kopf auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar der Gedanke: ‚Für eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mitglieder zwingt, nicht zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein warnendes Gewissen zu haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Automaten zu sein, die, wenn sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos ausführen, eingesperrt oder erschossen werden, für eine solche Gemeinschaft zu handeln, ist ein Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben werden kann. Es bleibt die sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines Ich, diese Gemeinschaft zu bekämpfen und damit für die Möglichkeit zu arbeiten, daß einmal eine Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch . . . gut sein darf, in welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein für seine Handlungen moralisch verantwortliches Ich und als solches . . . gut, das bedeutet: für die Gemeinschaft sein kann.‘