Das lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche Herbstlandschaft. Der Stabsarzt muß immer wieder das Wort ‚Auflösung‘ denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten großen Zug von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden, überholt langsam das Spital.
An die Realität dieses Ereignisses will der Stabsarzt nicht glauben. Erst die Einzelheiten überzeugen ihn: ein Feldarbeiter, der seine Hacke schultert, eine Ackerfurche entlang läuft und sich dem Zuge der Bauern anschließt; ein beinloser Soldat, der, neben der Fahne, mitkrückt; die lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.
Der rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix, und durchleuchtet rosa die Staubwolke.
‚Sie trieben die Lüge auf die Spitze: sie befahlen, die Kirchenglocken in Geschosse umzugießen, und gebrauchten zu diesem Befehle die Worte ‚Gott‘ und ‚Christentum‘. Sie vergaßen, daß der Untertan begonnen hat, zu denken.‘
Die Hauptstraße eines Städtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.
‚Das Leid zog durch das ganze Volk, ließ sich in jedem Hause nieder. Das Leid entfesselt das Ereignis.‘
Im Stabsarzt läßt sich Stille nieder, voll und schön wie die Nacht, aus der das Frührot bricht.
Überrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos an den Wänden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, beständig und unregelmäßig, meditierend, gestikulierend, den Blick zu Boden gerichtet. Tief mit sich selbst beschäftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre Gesichter.
Ein Irrer wendet sich plötzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und sagt: „Jehovah sitzt in meinem Bauche . . . Jehovah ist eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“ Er lächelt den Stabsarzt wohlwollend, mitleidig und mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts weiß. Hebt die Schultern: „Tut mir leid, eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“
Erst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der erste, den er überhört hat, in seinen Ohren.