Der Zug hat nach mehrfachem Vor- und Rückwärtsfahren, unter Pfiffen und Pufferstößen und unter Wimmern, Stöhnen und Keuchen der Verwundeten das Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.

Während der Stabsarzt zurückblickt und sieht, wie der Weichensteller aus dem Hebelhäuschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zuläuft, stoßen seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in seinem Leben, mit einer ihn tief berührenden Feierlichkeit, daß der Gedanke Macht und Wirkung erlangt hat; daß die Untertanen, die bisher als meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet waren, begonnen haben, sich loszureißen, Einzelwesen mit eigenem Gehirn, eigener Meinung zu werden.

‚Sie beginnen, zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen. Der Geist zieht über das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Der Einzelne will sein Schicksal selbst gestalten. Der Einzelne beginnt, zu denken.‘

Mit feierlicher Gewißheit weiß der Stabsarzt, daß der Anbruch des neuen Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist. Frohlockend fühlt er, daß seiner Absicht, der neuen Zeit, dem neuen Geiste, dem revolutionären Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die Ereignisse entgegenkommen.

Damit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug. Das Überzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines Gesichtes, als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Haß und ohne Freude den Soldaten beweist: „Die werden an Ketten gelegt werden.“

Augen glänzen. Verehrung und stürmische Liebe empfängt überall den Stabsarzt.

Er bittet zwei Sanitäter, einen hilflosen Krüppel vom Bett herunterzuheben. Der Krüppel soll zeigen, ob er in einem fahrenden Zuge laufen kann; er bekommt seine zwei Spazierstöckchen in die Hand. Die Stöckchen sind nur fünfzig Zentimeter hoch. Der Krüppel gewährt den Anblick eines halbgeöffneten Taschenmessers. Der Krüppel ist ein rechter Winkel. Ein Geschoß hat ihm den Rückenwirbel zersplittert. Und der Rückenwirbel ist falsch zusammengewachsen. Der Krüppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich in seinem Leben nie mehr aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter Winkel, am Stabsarzt vorüber, wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt mühsam das Gesicht, fragt den Stabsarzt mit den Augen. Und muß den Kopf gleich wieder sinken lassen: das Gesicht steht wieder horizontal zum Boden. Der Mensch mit den zwei niedrigen Spazierstöckchen sieht aus wie ein vierbeiniges Tier.

Der Stabsarzt überlegt, was er schon während der ganzen Reise überlegte: ob er wagen soll, den Rückenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. ‚Es ist fast unmöglich, eine tödliche Verletzung des Rückenmarkes dabei zu vermeiden‘, denkt der Stabsarzt. Denkt: ‚Werden an Ketten gelegt werden.‘

Und läßt den Menschenwinkel wieder auf das Bett zurücklegen.

„Und im Grunde sind wir alle Kameraden“, sagt zu sich selbst ein Soldat, der sich vorstellt, daß auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Züge fahren, gefüllt mit Krüppeln, Irren, Blinden. „Sie haben uns verwundet, wir haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.“