Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte das Gerede.
Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.
Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus.
Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand auf.
Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach Winnetou um.
Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder.
Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.
Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, wie vorher.
Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die Brust — die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte langsam übers Haar gestrichen.
Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht mehr glücklich sein würde.