Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.
Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: „Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.“ Vor vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht vergessen.
Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben der Festung, schmolz es im „Zimmer“ zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im „Zimmer“ und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das „Heilige Tier“ ab. Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im „Zimmer“.
Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich aufgelöst.
Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.
Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.
Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren solche Altäre hergerichtet.
Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem „Spitäle“ beisammen, in ihren Sonntagsanzügen.