Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.
Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände — aus Wachs, die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
„Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?“ fragte die Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. „Es könnte ja nix schad. Vielleicht hilft’s.“
„Ich glaub nit, daß es was hilft“, meinte Oldshatterhand.
Da trat die Menge, „Gelobt sei Jesus Christus“ murmelnd, zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.
Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.
Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.
Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das gelten.
Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf hatte er nicht.
Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei.