Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand das Wenige, das er selbst besaß.

Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten übergroßer Begeisterung.

Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.

Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.

Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. „Das ist die weichste“, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.

Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon an.

Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. „Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen“, sagte er zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. „Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.“

Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast.

Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.

„Ihr schenkt ja auch niemand etwas“, sagte Oldshatterhand zu Grünwiesler. „Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen hat’s.“