„Ich hab nur geschrieben — erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.“ Der Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand an.

„Wirklich“, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. „Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte von der Welt!“

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb abwehrend, halb zugreifend.

Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.