Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.

„Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der Schenk.“

Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.

Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. „Das ist er!“ Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. „Der war’s“, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein blutiges Vorhemd.

Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: „Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.“ Er hielt sich zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.

Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und rief: „Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! Ja.“ Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen Bart entlang.

Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie ausüben.

Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen wünschten.

„Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!“ rief der Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.

„Kannst sie denn bezahl?“ fragte erstaunt der bleiche Kapitän.