Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich überschlagender Stimme: „Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren Mutter ist . . .“

Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der Schundliteratur.

Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war Schulstunde.

Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft „Zur schönen Mainaussicht“ auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.

„Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee“, sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange.

„Der soll sich’s selber hol“, erwiderte die Kriechende Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber.

Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den Garten der „Schönen Mainaussicht“ umschloß, traten in die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.

Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. „Auf zur Quadrille!“ rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.

Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen aneinander.

Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie jedesmal schrill rief: „Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle“, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. „Tanz doch e bißle“, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.