Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt zur Schultafel. „Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein“, sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank an. „Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler“, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt hinein. „Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel besser“, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. „Das sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!“
Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
Da stand Falkenauge auf. „Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.“
Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel warten, das ließen seine Nerven nicht zu.
Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement — die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu viel.
Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: „Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.“
Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. „Michael Vierkant! Raus!“
Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager.
Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran?
Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager atemlos: „So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal geben darf.“