Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.
Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: „Ja. Bald. Wart doch.“
Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: „Jetzt müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier“, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch einstweilen vorausgehen, wenn’s ihm so pressiere, sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg gewesen.
Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.
Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen.
Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich hoch in der Luft überschlug — und auf den Beinen stand.
„Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft“, sagte der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: „Der kann direkt zum Zirkus gehen.“ Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.
Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt — da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen.