Unvermittelt wurden seine Sinne wieder klar. Und als er aufgestanden war, glänzten seine Augen mild, wie wenn ein Lichtschein auf Öl fällt. „Jetzt ist es drei Uhr,“ sagte er unendlich traurig, „vier Uhr vielleicht? Vier Uhr? . . . Ich sehe alles. Ich kann Häuser denken, einen grüßenden Mann, einen Käfer, ein Kind, das Butterbrot ißt . . . Und um sechs Uhr? Was ist dann? Sag, was ist dann? Ruhe? . . . Ruhe ist! etwas. Wird gar nichts sein? Gar nichts? . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet! Da bin ich doch schon tot. Jetzt schon tot! Lebe . . . und bin schon tot. Unverhoffter Mord ist wunderbarste, himmlische Güte . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!“
Er sah durchs Fenster zum schon leise dämmernden Himmel und sagte: „Die Jesus Christus ermordet haben, waren gütig. Gütig verhöhnten sie ihn: wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz, und wir wollen dir glauben . . . Eine Hoffnung höhnten sie ihm hinauf zum Kreuz. Er hat hoffen dürfen bis zum letzten Augenblick. Ich sehne mich nach seinen Qualen . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!“
Plötzliche Wut riß ihn herum. Zum betenden Priester, der entsetzt zurückwich: „Gehen Sie!“ sagte er verhalten drohend.
Der Priester streichelte dem Dichter vorsichtig, milde den Arm.
„Gehen Sie!“ brüllte er einige Mal schnell hintereinander, die Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Keine Zeit! Zeit!“
Der Priester erhob sich unschlüssig, suchte nach einem Gruße, fand keinen. Und ging ohne Gruß. Vor der Tür sagte er verwirrt: „Guten Morgen.“
Der Dichter stand einen Augenblick in fassungslosem Staunen, das jäh ein Grauenschauer verdrängte, als die Tür ins Schloß gefallen war. Ratlos sah er an der Wand aufwärts zur Decke, an der Längswand entlang zum Fenster, ohne den Körper mitzudrehen, bis er das Gleichgewicht verlor und fast gestürzt wäre. Dann setzte er sich, legte die Arme verschränkt auf den Tisch und ließ langsam den Kopf darauf nieder.
Es war noch kein Ton zu hören im ganzen Gebäude. Keine Uhr schlug. Der Nachthimmel war schon grauer geworden.
Die Todesfurcht hielt des Sitzenden Rücken krumm gebogen. Die Luft hinter ihm, der Gefängnishof, die ganze Erde hob das Beil und hielt es erhoben.
Die Augen stier offen, legte er ganz langsam den Kopf mit der Wange auf die Tischplatte, um die Stellung zu probieren. Der Gedanke, die Wange müsse furchtbar geprellt werden, ließ ihn den Kopf schnell auf die andere Seite legen und so den Hieb erwarten. Der Hieb kam nicht. Da brach erleichternder Schweiß aus, weil der Hieb nicht kam. Und der Dichter war überzeugt, daß der Hieb überhaupt niemals kommen werde, daß einem Menschen der Kopf nicht abgeschlagen werden würde.