„Den ganzen Kopf abhacken? Da es doch . . . Goethe gibt und Straßenbahnen. Das kann nicht sein. Kein Mensch gibt sich dazu her, mit dem Beil einen Menschenkopf herunterzuschlagen. Da würde ja niemand dabei zusehen wollen. Was würden die Mütter und Frauen von den Menschen sagen, die dabei zusehen. Was würden die zuschauenden Zeugen für Väter sein zu ihren Kindern . . . Es wird ganz anders vor sich gehen. Auf einmal werde ich tot sein.“

Als er aufstand und sich das in den Kopf gestiegene Blut verteilte, packte ihn wieder die Gewißheit.

Es war ganz still. Der Dichter wußte nicht, ob es noch eine Stunde, zwei Stunden, einige Minuten bis dahin waren. „Was denn?“ fragte er. Es blieb still. Da sah er zum Fenster. Der Ausschnitt des Fensters, von den Gitterstäben durchkreuzt, war rosenrot. Unbeweglich blickte er auf das unbewegliche Rosenrot.

Ganz von fern, noch kaum hörbar, erklang ein Räderknirschen, wurde deutlicher, zum eintönigen Klappern eines Wagens auf dem Pflaster; er konnte den Hufschlag der schweren Pferde unterscheiden. Fast unter seinem Fenster hielt der Wagen, in dem die Hinrichtungsgegenstände waren. Er hörte die Pferde einige Mal stampfen. Dann war es still. Eine Männerstimme sagte etwas. Er hörte ein Brummen als Antwort, das Abladen, und flüsterte: „Die unschuldigen Pferde — die unschuldigen Menschen.“ Mit einem furchtbaren, wortlosen Schrei schnellte er herum:

Der Wärter trat ein. Und brachte dem Dichter etwas Stärkendes zu trinken. Eine Auswahl auf einem Tablett: Tee, Schokolade und eine halbe Flasche Wein. Unterm Arm trug er ein frisches, noch warmes Weißbrot. „Trinken Sie lieber Rotwein? . . . Das brauchen Sie nur zu sagen.“

„So?“ sagte der Dichter und bewegte sich, rückwärts gehend, bis zur Fensterwand, preßte sich dagegen an wie ein Kind, das nicht essen will. „Ich soll das trinken?“ sagte er, ohne die Hände von der Wand zu lösen. Jetzt nahm er eine weg und deutete: „Da hinein? Zum Mund? . . . Und später? Was wird damit?“

Der Wärter goß das Glas voll Wein, hielt es gegen das Licht und stellte es auf das Tablett.

Plötzlich wurde dem Dichter die Schädeldecke kalt. Er griff sich an den Hals. Mit beiden Händen befühlte er das Fleisch. „Den Hals durchschneiden? Den ganzen Hals? . . . Diese dicke Stange Fleisch durchhacken?“

Der Wärter legte das Brot gerade. „Es ist noch warm“, sagte er.

„Den Kopf . . . wegschneiden? Den ganzen Kopf! . . . Mit den Augen . . . Die ganzen, lieben Augen? Das . . . kann . . . nicht . . . sein. Nein nein nein nein nein!“ Da lag er auf den Knieen und umklammerte die des Schließers.