Der Doktor lachte: „Das haben Sie hübsch gesagt.“ Und rief fröhlich: „Es kommt eben auf die Kraft an. Der Stärkere setzt sich durch . . . Und das ist ganz in Ordnung.“
„Auf Kosten der Unterdrückten mit Brutalität sich durchsetzen, ist nicht in Ordnung“, sagte der Dichter und ging zu seinem Sack.
„Wieso Brutalität?“
Er hatte die Kaffeemühle aufgehoben und drehte beim Sprechen. „Die Herren des Lebens könnten sich sagen: die Unterdrückten haben Augen wie wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das Leben zu genießen.“
„Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . .“ „Ich hab ihn nicht!“ Er ließ die Kaffeemühle senkrecht auf den Wäschehaufen fallen und sah den Doktor an.
„. . . muß Ihnen doch sagen, daß ein gebildeter Mensch feiner organisiert ist und demzufolge andere Bedürfnisse hat als . . . unsere Wirtin.“
„Hn? . . . Das Genußverhältnis darf sich differenzieren zwischen Ästhet und Klosettreiniger? . . . Der Herr und Ästhet des Lebens ist ein unästhetischer Verräter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergißt, daß auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das müßte die Minderheit eigentlich demütig machen, wie?“
„Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenüber.“
„Ach nein, ich bin ganz einfach.“
Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die Hüfte. „Wie wollen Sie denn dem Tüchtigen und Glücklichen, der ein sorgenloses Leben führt, klarmachen, daß er nicht viel mehr wert ist als der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler.“ Seine Finger zappelten über dem Kopfe. „Nein nein nein! Das Leben ist anders.“