Ein Gang trennte Schwurgerichtssaal und das mit einer gepolsterten Tür versehene Zeugenzimmer. Kein Laut klang herüber.

„Da steht man auf einmal mitten im Brennpunkt einer Tragödie.“

Die dicke Wirtin sah ihren Zimmerherrn verständnislos an, machte aber eine zustimmende Handbewegung.

Und während drüben weiter verhandelt wurde, fuhr der Doktor fort: „Schlingt das Leben knapp neben mir . . . in dunkler Nacht einen Knoten, und der soll nun mit unserer Hilfe entwirrt, ich möchte sagen, durchhauen werden.“ Dabei spähte er unauffällig in die Ecke zum eleganten, schwarzen Seidenkleid, von dem sich das bleiche Gesicht des Straßenmädchens vorteilhaft abhob.

Die Wirtin machte ihre zustimmende Handbewegung. Das Mädchen rührte sich nicht. Ihre gleichmäßig atmende Brust ließ den Reiher auf ihrem Hute erzittern.

In geteiltem Interesse blickte der Doktor auch manchmal vom Mädchen weg, aus dem Fenster, zum Gesicht eines Untersuchungsgefangenen hinüber, das von den Gitterstäben durchkreuzt blieb, und immer wieder las er in der Zeitung nach, daß die Verhandlung des wegen Raubmordes angeklagten Dichters heute beginne und Doktor Wiener als Zeuge geladen sei. Sein Herz klopfte so unruhig, daß er sich endlich doch, Blick zur Decke gerichtet, den Puls fühlte. Vergebens versuchte er, sich seines Gespräches mit dem Dichter zu entsinnen, und sagte lächelnd: „Wie meinte er denn das vom Planeten“, sah das Straßenmädchen an, zuckte die Schultern: „Planet?“

Die Wirtin beugte sich vor, die Hand überzeugend zum Doktor gestreckt, sah ihn eine Weile schweigend an und flüsterte: „Mir war er immer unheimlich“, worauf die Hand sofort wieder mit der anderen gefaltet über dem Leibe lag.

Die beiden Schüler standen beim Ofen; der kleine machte ein Gesicht, als sähe er sich von tausend Hämmern bedroht.

Dasselbe Gefühl hatte der Dichter im großen Schwurgerichtssaal. Die Blicke aller Zuschauer und der Geschworenen waren auf ihn gerichtet; er war die Antwort schuldig geblieben.

Auch der Offizialverteidiger sah zu ihm auf, wollte ihm helfen und schloß den Mund wieder. Der Gerichtsstenograph spitzte einen Bleistift lang an und legte ihn zu den fünf andern.