Da sah er zum ersten Male das klare Auge eines Geschworenen, das interessiert und klug auf ihn gerichtet blieb. Die andere Augenhöhle war leer. Des Dichters Beklemmung wich sofort. Das ist das wahrhaftige Auge, dachte er. Die Hoffnung auf Rettung zog mächtig in ihn ein.
Er wandte sich an den Einäugigen, in dessen schmales Gelehrtengesicht der Geist viele Falten gezeichnet hatte, sprach heiß und dringend: „Verstehen Sie mich — erst nachdem ich schon da war, bei meiner Mutter im Zimmer war, erinnerte ich mich an das Schulerlebnis. Ganz plötzlich. Es hat also volle zweiundzwanzig Jahre lang . . . heimlich in mir gesteckt und mich, wie ich jetzt ganz bestimmt weiß, aus seinem dunklen Versteck heraus gezwungen, in die Heimatstadt zu fahren.“
Mit einem einfachen Lächeln: „Daran können Sie ja doch genau erkennen, daß ich mir nicht sagte: jetzt fahre ich heim, bringe den Lehrer um und nehme ihm sein Geld . . . Denn, Sie verstehen? in Berlin wußte ich ja gar nicht, weshalb ich eigentlich zum Bahnhof lief und in den Zug stieg . . . steigen mußte!“
„Nur zur Aufklärung!“ Der Vorsitzende sprach geschäftsmäßig. „Wollen Sie damit sagen, daß dieses Erlebnis, das, nehmen wir einmal probeweise an, Sie gezwungen hat, zu reisen, Sie auch veranlaßte, den Lehrer umzubringen?“
„Nein“, sagte der Dichter fest.
Und der Vorsitzende: „Gut.“
„. . . Denn ein demütigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis kann nicht mehr so gefährlich sein, nachdem man sich daran erinnert hat. Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht traurig und wollte mich mit dem Lehrer aussöhnen. Er sollte sich ein bißchen entschuldigen bei mir, und alles wäre gut gewesen.“
„Und brachten Sie ihn um, weil er das nicht tat?“
„Auch deshalb nicht . . . Und auch nicht gerade, weil er den Kleinen in meiner Gegenwart geprügelt hat.“
„Sondern? . . . Weil Sie sahen, wie die Haushälterin dem Lehrer einen Hundertmarkschein reichte.“