„Nein, nein, das ist nebensächlich . . .“

Wie ein Mensch, der im Alptraum verfolgt wird, sich aber nicht vom Platze bewegen kann, empfand der Dichter der Fesseln wegen drückende Hilflosigkeit, wollte fortwährend die Hände gebrauchen, die von den Ketten wieder zusammengerissen wurden. Aus Angst, sich nicht klar genug auszudrücken, wurde er sehr erregt.

„Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein wenig folgen würden.“ Er wandte sich an den Einäugigen: „Schon ein einziges vergessenes Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die Heimatstadt zu schicken. Ich muß gehorchen. Weiß absolut nicht, weshalb. Hab vierzehn Jahre lang, bis zu diesem Morgen, gar nicht daran gedacht, zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld . . . Wenn nun schon das Eine so eigenmächtig mit mir umspringen kann, dann muß ich mir sagen — und das ist der glühende, tragische Punkt —, daß die ohne Zweifel zahllosen schändlichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für jede Tat, welche es auch sei, machen können.“

Da legte der Dichter die Hände auf die Brust. „Ich saß beim Lehrer, der mich jahrelang gequält hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen schändete, da wirkten plötzlich alle diese vergessenen Erlebnisse eigenmächtig zusammen und erwürgten ihn.“

Er ließ die Hände sinken, sagte noch: „Plötzlich begeht man das Schrecklichste; denn der eigene Wille ist fortgezogen.“

„Gut,“ begann der Vorsitzende, „daß ein Mensch, wenn er zerstreut ist, manchmal etwas tut, irgendeine Dummheit begeht, ohne zu wissen, wie und was, ist uns bekannt . . .“

„Aber“, unterbrach ihn ein großer, vollblütiger Geschworener gereizt, „daß er in der Zerstreuung einen Menschen umbringt, na, das ist ja . . . das ist Unsinn.“

„. . . aber, daß Sie wegen dieses, weiß Gott vor wieviel Jahren vergessenen Schulausfluges in die Heimatstadt gereist sind . . . wo steht das geschrieben? Und wo steht geschrieben, daß Sie sozusagen . . . mit Hilfe! noch anderer Erlebnisse gar jemand ermordet haben? Das glaubt Ihnen kein Mensch auf dieser Welt, auch wenn Sie nicht das Geld geraubt hätten . . . Ebensowenig, wie man glauben wird, daß Sie mit Hilfe anderer, ausgezeichneter, herrlicher Erlebnisse den Ermordeten wieder lebendig machen können.“

Der Vorsitzende stützte beide Hände auf das Pult, die Ellbogen seitwärts gespreizt. „Jetzt äußern Sie sich einmal, wollen Sie sich denn mit diesen . . . diesen Geschichten verteidigen? Oder was wollen Sie? . . . Verteidigen?“

Verlegen scharrte der Dichter mit dem Fuße, sah in die Ecke, die Geschworenen an. „Ja, ich . . . versuche, Ihnen das Ereignis zu erklären.“