Unvermittelt kam wieder Entschlossenheit in sein Gesicht. „Glauben Sie mir,“ sagte er zum Einäugigen, „wirklich, es kann vorkommen, daß ein dreißigjähriger Mann in seinem Zimmer sitzt, ganz ruhig bei der Arbeit, da hört er im Nebenzimmer einen Mann schimpfen und die geschlagene Frau ängstlich kreischen. Plötzlich packt ihn eine rätselhafte, besinnungslose Wut: er hat den unbegreiflichen Drang, hinüberzustürzen und den Mann zu erwürgen. Hinterher kann er seinen Richtern nur sagen, daß der Zank — das Weinen der Frau im Nebenzimmer — ihm diese Wut verursacht hat, und weiß nicht, daß er sich wegen eines ähnlichen Zankes, der aus dem Schlafzimmer seiner Eltern kam, vor fünfundzwanzig Jahren im Kinderbettchen voller Grauen aufrichtete, in Haß gegen seinen Vater, der die geliebte Mutter schlug. Seine Richter glauben ihm dann nicht, weil er, wenn er zur Besinnung kommt, vielleicht einen Mantel mitnimmt, einen Apfel einsteckt oder einen Hundertmarkschein, um fliehen zu können . . . Bei mir liegt die Sache ganz ähnlich. Sie verstehen mich doch?“
Der Einäugige notierte sich etwas und sah ruhig wieder den Dichter an, der das für eine bejahende Antwort nahm und freudig und hingerissen dem Vorsitzenden zurief: „Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich bin so furchtbar schuldig geworden! Aber doch nicht wegen des Geldes, nicht wegen . . . dieses Geldes! Glauben Sie das nicht! Mein Mord wurde von solchen Erlebnissen verursacht . . . Einmal ließ mich der Vater — weil ich meine Schiefertafel zerbrochen hatte und er, der Arbeiter, der abgerackerte Arbeiter, verstehen Sie doch! eine neue kaufen sollte — das eichene Lineal holen; ich mußte die Hose ausziehen. Dann schnallte er mich auf den Stuhl fest und . . . vor der ganzen Familie. Das tat er . . . Am andern Tag stürzte ich heulend zu Boden, nur weil ein Kamerad von mir ganz zufällig das Wort ‚Lineal‘ gebrauchte. Ich heulte wie tobsüchtig, rannte aus der Stadt hinaus, stundenlang auf den Feldern umher, und zündete vor Qual und Hoffnungslosigkeit eine Scheune an. Sie brannte ab . . . Viele Jahre wußte ich nicht, weshalb ich die Scheune angezündet habe . . . Wenn man gerecht ist, ganz gerecht, muß man sagen, daß nicht ich . . . sondern mein Vater der Brandstifter war.“
„Man könnte ja auch sagen, der Urgroßvater, der schon längst verwest ist!“ Das Gesicht des vollblütigen Geschworenen blähte sich auf, daß die Augen verschwanden.
Sofort wandte der Dichter sich wieder an den Einäugigen, sah ihn eindringlich an. „Weil mir das alles so klar geworden war, fuhr ich dann noch einmal in meine Heimatstadt, in der Hoffnung, mich an vieles zu erinnern — an die furchtbaren Demütigungen, die mich ruiniert haben. Ich hoffte, ihnen mit meinen Erfahrungen, mit dem Verstand meiner dreißig Jahre, ihre böse Macht über mich endlich nehmen zu können . . . Alle Menschen sollten wieder einmal in ihre Heimatstadt zurückkehren. Das habe ich sogar geträumt.“ Er bewegte die Hände in großem Bogen von links nach rechts: „Einen ganzen Zug Menschen!“
„Nun, und sind Ihnen solche Erlebnisse eingefallen?“ fragte der Vorsitzende.
„Mir? Nein . . . nein, es sind mir keine eingefallen.“
„Wie denn! . . . Dann sollten Sie uns doch aber das alles nicht erzählen. Weshalb nur?“
Der Dichter schickte einen hilfesuchenden Blick zum Einäugigen hin, zum Vorsitzenden. „Weil das so wichtig ist. So wichtig!“
„Aber nein doch! Es sind Ihnen ja keine eingefallen.“
Des Dichters Mund blieb offen stehen.