„Nun?“

„Die ganze Stadt ist mir eingefallen . . . Und da ist auch ein unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet . . . In dem Hohlweg muß mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich weiß nicht, was. Weiß nicht, was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen!“

Fieberhaft suchte er nach noch einem Beispiel, während der Vorsitzende sich nicht um ihn kümmern konnte, weil er die Vernehmung der Zeugen vorbereitete.

Da sah er das Auge des Geschworenen verlangend auf sich gerichtet, machte verzweifelt einen Schritt zu ihm hin: „Es kann doch auch vorkommen, daß ein Mann immer wieder träumt: er ist ein Kind und muß sich verkriechen in die Zimmerecke, aus Angst vor seinem Vater, der ihn gräßlich und verächtlich ansieht. Und es hilft ihm nichts, daß er seinem Vater zuruft: ich habe doch seither die große Brücke aus Eisenkonstruktion gebaut . . . Solange er lebt, fürchtet sich der berühmte Brückenbauer im Traume vor seinem Vater . . . Mich hat der Vater einmal die ganze Nacht auf den langen, dunklen Gang hinausgesperrt . . . Ich kam zu spät nach Hause, weil ich zugesehen hatte, wie ein Ertrunkener aus dem Wasser gezogen wurde. Das war eine arge, lange Nacht. Seitdem fürchte ich mich im Dunkeln wie ein Kind . . . Erst vorgestern, am Dienstag, träumte ich wieder: in unbeschreiblicher Angst stehe ich auf dem dunklen Gang — der Ertrunkene kommt die Treppe herauf und langsam auf mich zu, entsetzlich lautlos . . . Ich kann nicht in die Wohnung flüchten. Selbst jetzt träume ich das, in einer Zeit, da ich mich in so großer Not befinde. Man sieht daran, daß ein solch gräßliches Kindheitserlebnis stärker ist als alles.“

„Sonnig scheint Ihre Kindheit ja nicht gewesen zu sein, aber mit Ihren Träumen können wir uns wirklich nicht abgeben,“ sagte der mit den Zeugenakten beschäftigte Vorsitzende, „die sind nun einmal Schäume.“

Der Angeklagte versuchte immer wieder, den eindeutigen Tatbestand mit vagen Geschichten zu verschleiern, notierte sich der Staatsanwalt für seine Schlußrede.

„Es sind ihm ja nun doch welche eingefallen“, sagte der Verteidiger. „Ich mache Sie darauf aufmerksam . . . Auf den Ertrunkenen.“

Und der Dichter blickte in plötzlicher Hoffnungslosigkeit so verloren im Saale herum, daß er von der Vereidigung der ersten Zeugin nichts bemerkte.

„Sie stehen unter Kontrolle?“

Im Zuschauerraum wurde es ganz still.