Auch die Geschworenen blickten ihn fragend an.
„Das ist doch furchtbar einfach! Wenn ich zwanzig Jahre früher die Milch bekommen hätte, hätte ich mir den Apfel ja nicht zu nehmen brauchen . . . und stünde heute vielleicht nicht hier.“
„Wie denn! Wenn Sie in Ihrem Leben ein Glas Milch mehr getrunken hätten?“ Der Vorsitzende lächelte den rechts von ihm sitzenden Geschworenen zu. Deren Antwortlächeln sprang auf die links Sitzenden über, bis zum Staatsanwalt. Der Einäugige sah zornig vor sich hin.
„Freilich! Dann wäre der Lehrer ein besserer Mensch gewesen und ich sicher ein besserer geworden . . . Er hat mir doch, während ich zu ihm in die Schule ging, in anderer Form viele tausend Gläser Milch verweigert. Und nicht nur er — viele andere haben mich gedemütigt, gepeinigt und dadurch schwach und böse gemacht. Deshalb stehe ich hier. Aber ich glaube, daß vor allem der Lehrer mich für spätere Demütigungen so sehr empfänglich gemacht hat . . . Denken Sie an, wenn ich damals nicht vor dem Wirtshaus hätte stehen müssen, hätte ich vielleicht eine Woche später, als die Soldaten, anstatt mir Brot zu geben, Spülwasser über mich geschüttet haben, noch geflucht und geschimpft. So aber habe ich geschwiegen, glaubte schon, mit mir dürfe man alles machen . . . Das ist ja das Furchtbare, daß ich nicht geschimpft habe, sondern ganz still weggegangen bin.“
Wie auf Kommando bewegten alle Geschworenen gleichzeitig die Oberkörper, um sich wieder zurechtzusetzen.
Und der Vorsitzende sprach die Prügelszene in der Lehrerstube jetzt doch ausführlich durch. Unter allgemeiner Heiterkeit. Denn der größere Schüler erzählte, da aus dem zerdrückten Kleinen auch mit Güte und Väterlichkeit nicht ein Wort herauszubringen war, daß dieser Regen mit „ch“ und anstatt Amen — Ammen geschrieben habe.
Die Geschworenen lächelten und dachten an ihre Jugendzeit zurück. Gerichtshof und Zuschauer sympathisierten miteinander. Eine Weile ließ der Vorsitzende die Heiterkeit durchgehen, dann spitzte er lächelnd den Mund unterm Schnurrbart, als wolle er sagen — wie Sie sehen, verstehe ich einen Spaß, aber dazu sind wir nicht hier; und da im Zuschauerraum auch dann noch gelacht wurde, rief er erstaunt: „Wie denn!“
Niemand verstand recht, weshalb der Einäugige sich vom Dichter noch einmal auf das genaueste die Reihenfolge der Vorgänge in der Lehrerstube darstellen ließ. Wiederholt fragte er eindringlich, ob die Tat — sofort, nachdem die Knaben die Stube verlassen hatten, geschehen sei, oder ob der Dichter vorher noch über den Schulausflug gesprochen — und den Lehrer dann erst umgebracht habe.
Und als der Dichter das bei immer stärker werdender Herzbeklemmung bejahte, auf die nochmalige Bitte hin, sich genau zu erinnern, wieder leise und bestimmt Ja sagte, blickte ihn der Einäugige so furchtbar ernst an, daß der Dichter während der folgenden stummen Zwiesprache mit dem Einäugigen am ganzen Körper kalt wurde.
Der Staatsanwalt notierte sich die Worte „Vorsicht! Affektmord“.