Ich bin Theologiemüder Candidat, antwortete er, und war lange Musiklehrer der Fräulein Sangallo. Der Herr Pastor sollte Sie doch vorher ein wenig mit diesem, seinem Schicksal gemäßlebenden Vater so vieler Töchter bekannt machen; obgleich der Oberförster in nächster Stadt auch schon 11 Töchter hat. Auch unser Barbier Salomon ist das achtzehnte Kind von Einer Mutter.
Und ich vervollständigte: Ich selbst habe auf meiner Heimreise über England in Leeds bei einem Wirth logirt, der gerade sein neunundzwanzigstes Kind taufen ließ.
Herr von Stifter, Ihr Gutsnachbar hier am See, der lange in der Levante gereist ist, bemerkte der Pastor, hat gesehen, daß viele Türken, gewiß nur eigene, 30 bis 40 Söhne hatten; Töchter werden da nicht gezählt. In Sicilien sind um sein ankommendes Schiff die Kinder von nur 13 Matrosen herbeigelaufen, ein Schwarm von 105! Aber die Erziehung! die Erziehung! das ist die Sache; und die Verheirathung, die gute Verheirathung! Denn die Töchter sind schon alle so so, oder so wie ihre Mutter Agathe, verheirathbar, welche gewiß dem Fürsten zu Lynar zu seinem wunderhold naiven Gedicht, „die Frau von sechzehn Jahren“, das schöne Vorbild gegeben hat, oder doch gegeben haben könnte; um dem Autor sein Eigenthum nicht anzutasten. Mit 19 Jahren ist sie schon Mutter von 7 Kindern gewesen, laut Kirchenbuche; denn darin stehen einmal Drillinge, zweimal Zwillinge; darauf in fünfzehn Jahren eilf einzelne Töchter. Nur 33 Jahr jung, ist sie über die jüngste Tochter eingegangen. Jetzt ist sie gegen 13 Jahre todt; also ist diese Jüngste schon so alt; und die älteste erst in dem berühmten und beliebten Standjahre 29, in welchem alle noch ältere Mädchen sich rühmen zu sein. Diese Aelteste, Antonie, ist Wittwe; Auguste: Wittwe. Und auffällig, beide kurz hintereinander zu Wittwen geworden. Zwanzig Jahre auseinander wäre es Niemandem aufgefallen. Antoniens Mann ist nicht in die Brautkammer gekommen, weil er am Hochzeittisch an einer Fischgräte, die ihm durch Husten den Blutsturz erregt, krank geworden. Auguste ist beim Austritt aus der Trauung krank geworden, und ihr Mann ist vor ihrer Genesung mit dem Pferde gestürzt und gestorben. Darum bedenkt sich die jetzige Braut, Afanasia, durch die Verheirathung ihren schönen jungen Bräutigam, dem Postsecretaire Herrn von Rheingraf geheimnißvoll umzubringen! Zehn andere Töchter haben jetzt Brautbewerber. — — —
Ich wollte mir ihre Namen so eben nennen lassen, um zu hören — daß er nicht Arminia darunter nenne; als es wieder furchtbar blitzte und einschlug, am Ufer von Westfrei. Wir wußten Herrn von Sangallo mit seinen schönen Nereïden gelandet. Wir sahen sein Schloß. Kein Rauch quoll aus; keine Flamme stieg auf; und wir waren ruhig, bis auf meine rechtschaffene Mutter, die in Beschwerden ausbrach und mir vorwarf: „Da hast Du den Schwur!“ Und ich mußte mir erlauben, ihr vorzustellen: Liebe gute Mutter, der Schwur hat sich nur auf ein Menschengedenken zurück bezogen; aber Niemand kann beschwören, das nicht ferner, oder bald bei uns ein Gewitter aufzieht und donnert und blitzt und einschlägt! Ja gerade, weil noch nicht, desto wahrscheinlicher!
Der Gewittersturm jagte uns; die Wellen drängten den Nachen; die Ufer flogen zurück. Der herabstürzende Wind wühlte hohle Kessel im See aus; uralte große Fische, Karpfen von 20 bis 30 Pfunden, mit bemooseten Häuptern und gelben fleischernen Schnauzbärten wie Seehusaren, tauchten empor; große Hechte stoben vorüber. Aus der Gegend, wo wir fuhren, sollten alle drei Schlösser und Dörfer in den Buchten des kühn verzogenen dreieckigen Sees zu sehen sein. Aber dichter Regen ergoß sich uns seitwärts herab und warf Blasen auf dem Wasser. Ich will nicht behaupten, daß die Frau Pastorin, obzwar eine getaufte Jüdin, nicht den Messias erwartet habe; denn Er hatte sie gewiß auch darum mit geheirathet, um im Hause im Gespräch von alten Tagen und neuen Hoffnungen, von denen das alte Herz nie abgewaschen wird, stets in der Seele verstanden, mit ihr reden, mit ihr leben zu können. Auch nur Sie konnte seinen Kindern nicht die morgenländische Nase.... und Er nur auch ihr nicht die großen schönen Augen der Töchter und ihr immerfremdes, oft linkisches, oft engelhaftes Wesen vorwerfen. Kurz sie war voll Andacht; er war sonderbar still. Wir andern, die wir keine, keine Hoffnung mehr haben, als das unabsehliche Weltende — waren sehr froh, als wir auf das Ufer sprangen.
IV.
Das einzige Kind.
Aber noch weit vom Ufer hatten wir eine Geistererscheinung auf dem Wasser; denn es ging nicht, sondern es fuhr ein aufrecht stehender dürrer blasser Mann mit einem krank aussehenden Jungen, nur von einem alten Landmann gerudert, an uns vorüber nach meinem Kirchhof zu.
Ein Gespenst! sprach der Pastor zürnend, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
Wer war das? fragte meine rechtschaffene Mutter.