Warum kommt nun in einen Mantel verborgen, wie in ein Nachtgewölk verhüllt, uns Sprache, Worte und Geist der Liebe so geisterhaft vor? Was hat die schöne Gestalt, die Menschengestalt, was haben Füße, Brust und Hände, was hat sogar das Antlitz und seine Sterne, die Augen, was haben sie so Gemeines, Alltägliches — daß wir sogar über Kleider, ja über eine Haube, das Weib, die Seele vergessen! Oder wissen das die Weiber? und treiben sie durch Putz und Lappen und Bänder und Schnüre Spott mit dem Himmlischen — um das Himmlische alltäglich, umgänglich, angreifbar zu machen? oder den Kindertand himmlisch und ewig! — „Schändlich! Räthselhaft!“ sprach ich dem verschwebenden Mantel nach, welcher allein mir jetzt die ganze Brigitte schien! Doch wenn ich zuvor durch des Pastors Kanzelwort „von der Heirath zur rechten frühen Tageszeit“ ein Verständniß desselben mit meiner rechtschaffenen Mutter, oder eine Mittheilung anzunehmen mir erlauben durfte; wenn mir Brigitte, als Vermittlerin, noch mehr Gedanken machte, so lag doch die vom Blitz Getroffene, die Begrabene, außer aller Berechnung. Der Himmel conspirirt nicht; er hält auch keine Conferenzen, und verfolgt keinen, der seine Geheimnisse verräth.

Vor Trauer und Regen hatten sich die Schwestern verloren, um sich ihr Leid zu klagen, zu hoffen und zu fürchten. Die Diener waren in Geschäften; nur die treuen Hunde hatten sich wieder als Wächter der Begrabenen eingefunden; Arminia’s Reh kam auch, umwitterte ihr so stilles stummes Gesicht, schüttelte die silbernen Schellen am Halsband von Silbertressen und legte sich ihr dann zu Häupten. Herr von Sangallo war in den Gartensaal gegangen, wo ich ihn von weitem durch die hohen offenen Glasthüren, unter dem großen Spiegel mit goldenen Rahmen, auf einem rothen Sopha sitzen sah. Ich ging zu dem armen Vater. Eine bange Stunde mußte entscheiden. Die wollt’ ich ihm überstehen helfen.

V.
Die Vorstellung.

Er blieb sitzen, als ich eintrat. Ich verneigte mich vor ihm, wie man es vor dem Unglücklichen aus Ehrfurcht und einer heimlichen Scheu thut, indem man in ihm den Träger, Leider und Darsteller einer gar nicht zu verachtenden, wenn auch meist unerfreulichen Macht sieht; und wahrlich eben sowohl diese Macht bedauert, als ihren Schauspieler. Und die Macht wird nur in unserer Seele vom Hasse los, sie wird gleichgültig, ja sie wird etwas werth, wie Eisen, daraus ein Meister ein angenehm schönes Kunstwerk, auch nur eine Spielerei gegossen; oder wie ein tückischer Strom, woran ein Kind ein Glockenspiel aufgestellt — und die Glöckchen klingen! sie spielen gar:

„Freut euch des Lebens!“

So geschah mir vor dem, noch schönen ernsten Manne; ein Mann von 50 Jahren, dem Leibe nach, dessen Geist aber heute so alt und gefaßt und ruhig wie die Welt, die schweigsame Welt schien. Denn er lächelte. Er reichte mir die Hand und „nannte mich bei Namen“ wie Homer sagt. Ich nannte ihn aber nicht bei Namen, um ihn nicht aufzuwecken — wie einen vor Schmerz jetzt Mond- oder Sonnensüchtigen, dessen Gefühle und Gedanken durch alle Himmel schweiften und nach allen Ursachen, Geheimnissen und Seligkeiten forschen und verlangen mochten.

Er deutete mir, mich zu ihm zu setzen. Er holte tief Athem. Lange darauf erst sprach er unter dem leisen Donner: „Welches große, durch Endlosigkeit grause Muß, das da Welt heißt, das vielleicht in einer fürchterlichen Einsamkeit so hangen und weben muß! Das nie auf seinen Tod hoffen darf, wie doch wir, die wir.... einzeln.... nacheinander.... ihn für dasselbe sterben. Und so quält es sich selbst, ohne alles andere mögliche Ergebniß ab, als daß es sterbend, verwandelt, so fort lebt! O wie heilig ist das Leben!“ Mir ist heute und vielleicht auf immer der Humor zerstört, dieser süße Duft aus bitterem Aloeholz; das höchste Rauchopfer, das wahrsagende singende Kind aus dem Zauberkessel! Ich gedachte jetzt an das, was mir einst mein Lehrer — der jetzt noch sogenannte, aber dem Blitz und Donner und allen Sternen unbekannte, äußerstgeheime, verborgene Oberconsistorialrath X...., dem ich die Paulus’sche Ausgabe des Spinoza brachte — heimlich in der Laube seines Gartens sagte, als höchsten Lebensrath: „Thue alles; nur nimm kein Weib!“ — Damit meinte er sein treuloses Weib — also kein wahres Weib. Ich wußte sein Leid. Treulosigkeit ist Lieblosigkeit; ja, Untreue mag einem Weibe darum noch angenehm sein. Die einmal so Leichtsinnige, wird sich vielleicht auch leichtsinnig trösten; aber dem liebenden Manne ist mit ihr alle Schmach, Schande, alle tiefste Verachtung angethan. Und warum ihm? Er hatte dieselbe Schmach einem Andern angethan. Schlimm, wer Vergeltung zu fürchten, ja zu hoffen hat, daß seine Seele Ruhe gewinnt; denn die Vergeltung kann nie ausbleiben. Wenn sein Weib auch nichts davon wußte, Er wußte es; Er war kein Mann, der sein Leben ursprünglich vom wahren allein gesegneten Anfang mit seiner Frau angefangen hatte. Das Leben zusammen rein und freudig anfangen, das allein ist der hinlängliche feste Grund zur Ehe. Allen andern ist die Möglichkeit zur Ruhe und Glück voraus schon abgeschnitten. Ich bin strenger, als alle Stoiker und möglichen und gewesenen Sittenlehrer, nur aus Seelenkunde, ja aus Chemie! Auf welche, welche erstaunende Reinlichkeit muß der Scheidekünstler halten, der viel richtiger ein Verbindungskünstler heißt. — Ich nun, ich hatte das Leben, die Ehe, mit meinem Weib rein und ursprünglich angefangen — mein treues Weib, die unabwehrbar fleißige Hausfrau, die liebende Mutter ist rein wie ein Engel von mir geschieden. Das heimtückischeste Unglück hat mich glücklichen Mann nicht getroffen — auch pries ich mich als den glücklichsten Vater: mir war kein Kind gestorben! Mir verlief die Natur nach ihrem Gesetz: „die Eltern sterben vor den Kindern.“ Aber wie wahr sagt der in allen andern so ungewöhnlich glückliche, in den Hauptstücken des Lebens, an Weib und Kind aber unglückliche Göthe aus tiefer Brust ein Wort, wie aus der Brust Gottes als Stimme des Weltalls:

„Ein jeder hat, er sei auch wer er mag,