Ein letztes Glück und einen letzten Tag!“

Ich habe mein einziges Kind verloren: ein einziges Kind. Nur sie war sie. Keine gleicht ihr nur, Keine ersetzt sie. Sie ist hinweg! Schneiden Sie Jemandem nur eine Zehe, einen Finger weg, er fühlt nur die schmerzende Stelle, keinen der gebliebenen Finger. Ein Vater hat für jedes Kind ein ganzes Herz, die volle Liebe! Das ist für alle meine Töchter so wahr, daß ich einmal ganz überrascht wurde von einem aus der Türkei zurückgekehrten Freunde, der behauptete: „So kann ein Türke — also auch ein Mann, ein Mensch auch seine mehre Weiber lieben, und alle mit ganzer Liebe! und sie alle nur ihn.“ Aber wir Deutschen haben nicht Wörter genug, um, wie Blumengeschlechter, alle Gattungen der Neigungen des Herzens zu unterscheiden, und stecken alle im Rummel in den Sacknamen „Liebe.“ Glauben Sie, ich ehrte meine Töchter, weil sie wie wandelnde Gefäße der höchsten schönsten Glut, der seligsten und beseligendsten fähig sind. Und Arminia ist dahin. Der Mensch soll auch, was er liebt, noch beweinen, noch beklagen, um die ganze Wunderbarkeit und Ewigkeit desselben, seinen ganzen Himmel sich aufzuschließen. Wir haben schon die Priester der künftigen Welt. In welchem alten Buche, in welchem Gesangbuch stehen da Worte, wie Schillers heiliges Machtwort in dem himmlischen Requiem über alle Todten; wie der aus der Messe seliger Geister tröstliche Text für alle Welt, (da Jedem sein Tag kommt) wie das göttliche Wort:

Laß rinnen der Thränen vergeblichen Lauf!

Es wecke die Klage den Todten nicht auf!

Das süßeste Glück für die trauernde Brust

Nach der schönen Liebe verschwundenen Lust

Sind der Liebe Schmerzen und Klagen. —

Und nun weinte er bitterlich hinter seinen Händen.

Was war da zu sagen? Was an dem Mann zu trösten, der auch die Leiden der Liebe als Leben erkannt, als zuletzt jedes Menschen stilleres inniges Leben! Ich lernte an dem Manne künftige Fassung. Es gereute mich nicht, ich gelobte mir, es nie zu bereuen: nach Deutschland gekommen zu sein.

Darauf kamen einzeln seine Töchter um ihm Bericht von Arminia abzustatten. Er fragte jede nur stumm mit den Augen. Aber jede bewegte nur leise das Haupt zur Verneinung, und faltete die Hände. Ehe sie sich dann setzten, nannte er mir nur jede bei Namen. Und so erschienen, nach und nach in Zwischenräumen: eine schwarzhaarige Adda — eine blonde Adelheid, eine braune Alma, eine gedrungene Aurelie — eine schlanke Amalie, eine glutäugige Anna — schwebende Angelika — feurige Armida —; dann eine hagere Alexandra — blauäugige Alwina — kleine Armgard — hohe Adele — sanfte Agnes — lockige Apollonia — dann die jungfräulichen Wittwen, die Sympathievögel Antonie und Auguste, in der Mitte die bräutliche Afanasia. Bei ihrer Verschiedenheit an Haar, Farbe, Gesicht, Augen, Mund, Wuchs und Gang, Charakter und Stimme, drängte es sich auf, daß in ihnen viele alte Großmütter und alte Muhmen wieder auf der Welt erschienen waren, um sich aufs neue umzusehen! Die Heimlichkeit des Ortes; die blassen Gesichter, daraus nur Augen sich zuwinkten; die Stille; das bisweilige Flüstern, das eintönige Tröpfeln des Regens auf die Blätter der hohen Bäume; dann wieder ein leises Murren der Wolken, die wie berauschte oder gutmüthige Wahnsinnige im Schlafe murmelten; ein rosiges Aufthun des ganzen Himmels; Schrecken in den Gliedern, den Tod im Sinn, und selber die Verdoppelung aller Gestalten in dem deckenhohen breiten Spiegel — dem foppenden Echo der Augen, wie das Echo der redende Affe der Natur — das Alles machten uns alle zu Traum und zu Bild, das in der traurigen düsteren Stunde bis zum märchen- und fabelhaft Wahrem nachdunkelte! O wie unendlich Süßes und Schönes giebt diese vergänglich gescholtene Welt zu fühlen, zu leben, zu sein! Und nur weil sie vergänglich ist, kein starrer Himmel.