Jetzt rief der Kukkuk auf den Bäumen über uns. Und der Vater sprach: Ich nehme alle Zeichen der Natur nicht als Orakel, aber als Mahnungen stets mir an. Mir fliegt keine Biene, daß ich als Mensch nicht aufgeweckt zu meiner Arbeit eile. Gehen Sie, lieber Nachbar, sehen Sie noch einmal nach; dann wollen wir das liebe Kind bis zu seiner Ruhe bei uns bewahren.

Ich ging in meinem Mantel. Aber ich fand, daß der Regen ganz aufgehört hatte. Die Sonne brach durch die zerrissenen Wolken, die noch wie wunderliche Thiere über den Himmel zogen. Bei Arminia lagen die treuen Hunde noch wachsam, sahen mich an, setzten sich auf und schüttelten sich den Regen ab. Das Reh lag noch auf ihren Kleidern und blickte mich an, aber stand nicht auf. Nur von einer Fingerspitze hatte, wie von einem weißen Keime, der Regen die Erde abgespült. Ihr Gesicht überflog die hervorblitzende Sonne. Aber da zuckte kein Auge, keine Lippe! So niederblickend, und mit dem allerhöchsten bitterwonnigen Gefühle der ganzen Natur „das Schöne todt zu schauen“ ganz überladen, wie die Blumen umher von Gewitter-Ichor, zuckten meine Augen kaum von einem plötzlich niederfallenden Blitz; aber von dem herniederstürzenden Donner, krachend als bräche der ganze Himmel ein, knickte ich wie ein Rohr, und fiel auf meine Kniee. Der Schooß der Erde hüpfte von der Erschütterung ordentlich auf, und ein Zittern lief durch die Glieder der heiligen Mutter. Ich besann mich wieder durch das plötzliche Aufflammen eines Strohdaches mit Fischernetzen am Ufer des See’s. Aber — vor mir fuhr die nackend Begrabene empor! Ihre Hände langten über ihr Haupt, wie in die rollenden Wolken hinauf. Sie saß. Die nasse Erde fiel ihr von Hals und Nacken und Schulter und Brust in den Schooß. Vor Erstaunen, das noch nicht Entzücken zu werden vermochte, starrte ich sie an. Ihre Augenlieder bedeckten noch die Augen und zuckten.... ihre Lippen zuckten; ihre Wangen überströmte eine Rosengluth; auch ihre Stirn ward wie sonnenabendroth, ihre Gestalt zitterte; die wie nach mir ausgestreckten Arme bebten, daß die Steine der Ringe an ihren Fingern im Sonnenstrahl blitzten wie Thau. Ich griff ihr unter die Arme, ich hob sie an meiner Brust aus dem Grabe empor. Sie ruhte an mir wie ein verschlafenes Kind, das aufstehen soll zu einer Reise, und legte den Kopf auf meine Schulter. So, mit ihr stehend, löste ich das Schloß des Mantels, umhüllte sie allein damit, und befestigte das Schloß ihr unter dem Halse. So hielt ich die Wankende, die ohne mich gefallen wäre, während das Reh an ihr heraufsprang, und die Hunde sie wie rasend vor Freude umbellten. Jetzt schlug sie die Augen auf. Welcher Gestirne Aufgang ist irgend wo schöner in der ganzen Welt!

Wie die Schaar Nereïden, umgaben uns die herbeigesprungenen Schwestern und drängten mir die Schwester ab. Arminia! — Arminia! — Arminia! rief es, sie weckend, sie ermunternd und ermunternder. Sie wandte die Augensterne nach ihnen; aber ihre Lippen konnten nur zucken.

VI.
Die jetzt verführte Jugend.

Sie wollten sie fortführen, aber sie war noch fühllos wie ein Kind, das zum erstenmal wagen will ein Schrittchen allein zu thun. Endlich kam der Vater — wie er meinen mochte herbeigestürzt; aber er konnte kaum die Füße heben, wie ein alter schwacher Greis, und mußte noch auf dem kurzen Wege vielmal stehen bleiben, Athem schöpfen und ausruhen von der himmlischen Müdigkeit. „O würde doch allen Armen und Unglücklichen auf der Erde vor Freude der Weg so sauer! Müßten sie doch solchen Athem schöpfen! Gingen sie alle doch einem solchen Glücke entgegen;“ sagte mein Pastor Doctor Schleyerlöser, als ich ihm des Vaters Gang erzählte. Meine rechtschaffene Mutter schenkte ihm für diesen Regentenwunsch einen fetten Ochsen, den er — redlich unter die Armen vertheilte. Auch das Geld für das Leder. Nicht die Zunge hat er behalten. Stupor in — gentibus! auf Deutsch: ein weißer Sperling unter den schwarzen oder schäckigen.

So eilte der Vater herzu. Sie machten ihm Platz und reiheten sich zum schönsten Spalier in der Welt! Sie riefen: der Vater! der Vater! Sie starrte hin. Er nahte. Sie war nicht gelähmt, sie lief ihm entgegen! Sie war nicht stumm geworden: sie rief: „Mein Vater! mein Vater.... o mein Vater!“ Der Vater konnte nicht sagen: O mein einziges Kind! Aber er schloß sie in seine Arme.

Da brachen alle in Thränen aus! Da waren alle — was man sonst Engel nannte —: selige Geister in Wundergestalt! mit Haupt und Haar! Denn nicht das Unglück rührt am tiefsten, wie unser biedere, auch an Geist colossale Rückert sagt; denn das Unglück ist der Abscheu, das Unwürdige, das verhaßte Ungethüm der Natur. Das Glück erhebt uns zu Göttern, in unsern wahren Stand! Nicht das unermeßliche Unglück der Deutschen in dem Kriege für die Freiheit der Könige rührt uns so. Aber wenn ich Varnhagen’s kostbares „Leben Blüchers“ lese, und dahin gelange, wo Blücher nach England kommt, und er vor Freuden über das Glück von den Menschen fast erdrückt und zerzauset wird. — Da schluchz’ ich vor unermeßlicher Wonne! Denn doch die Ehre, das Bewußtsein der Kraft haben wir Deutschen wieder; und das ist, das erwirbt alles.

So vor Freude weinend führten sie mir den Vater mit der Tochter in das Haus. Der Himmel glänzte wieder blau und klar — der Schelm! — die Vögel sangen wieder, der Kukkuk rief. Eine Schaar Studenten, die im Gasthaus den Regen verpaßt und vertrunken, jetzt wieder flott hinaus auf ihre Pfingstreise ziehend, sangen auf dem Wege längs des Gartens vorüber. Und süßer wie dem Freiheit liebenden Volke im Theater nach des Landvoigts Falle der Gesang der fahrenden Bettelmönche ertönt, ertönten mir aus ihrem Liede mit unvergleichlich schöner Melodie gerade jetzt die Worte: