Er und ich halfen nun rudern bis zum Angstschweiß. Der arme Junge lag in meinem Dorfe im geöffneten Spritzenhause. — Er blieb tod. Seinem Führer mußte eine Erleuchtung gekommen sein: er hatte sich in der Nacht ersäuft, wie die Teichwächter sagten.
Am andern Tage zu Mittag standen wir wieder in der Halle von Westfrei. Diesmal der arme Herr von Hase, in seinem letzten wohlausgebürsteten Rock mit uns.
VII.
Der Vater und das Kinderhaus.
Herr von Sangallo in der Mitte der beiden jungfräulichen Wittwen empfing uns sechs Gäste. Brigitte nahm sogleich ihr Väterchen in Beschlag; die zwei Töchter, meine Mutter und die Frau Pastorin, um sie zu Arminia zu führen. Der Schulmeister ward gebeten, das Pianoforte zu stimmen; der Pastor hörte von angekommenen Candidaten und ging sie aufzusuchen. Ich bat meinen Nachbar Sangallo, mir bis zur Tischzeit sein Haus zu zeigen.
Da hängt zwar der Riß, sprach er. Aber der Weltbaumeister schickt uns auch lieber selbst in seinem Hause umher, und läßt alle par terre wohnen. Ich habe auch nur par terre gebaut. Hohe Häuser mit vielen Stockwerken sind Nothställe; Treppen sind Lungenverderber, Dienerund Köchinnenplagen, Marterwerkzeuge der Alten, Zeitdiebe, Buckelmacher und Beinbrecher der Kinder, und Leichenpein! Wer baut, muß für alle Alter und alle Vorkommenheiten sorgen. Ich habe meiner Frau und den Kindern alles auf ebener Erde hergerichtet. Glücklich, wer Raum hat! Diese große Halle ist — das Atrium der Alten, nur nordisch nöthig mit Glas, mit bunten Scheiben gedeckt, ist der Hof in der Mitte des Hauses. Vier Flügel mit Zimmern liegen umher, groß und klein; Küche, Gewölbe und Kammern. Ich wohne bequemer, gesünder, wie jeder König. Ich brauche keine Treppen der Ehre, worauf sich die Menschen erst — klopfende Herzen ersteigen müssen oder sollen. Freilich mußte ich, endlich überschwemmt von Kindern, den Schlafsaal oben anlegen; aber Sie sollen sehen, wie sicher und bequem. Sie sind doch einmal neugierig, und wohlgesinnten Nachbarn müssen wir uns zeigen, wie wir sind, damit sie uns gegen böse Zungen mit vertreten.
Er öffnete eine Thür, sah in einen Saal, wollte sie mit dem Ausruf „aha!“ wieder zudrücken, aber sagte: Desto besser! Und so fand ich darin auf einer Seite den Schuhmachermeister, den Schneidermeister auf der andern, die beide auf Stühlen und Tischen ihre mitgebrachten Arbeiten auslegten. Ich ging stumm mit dem Vater daran hinunter, und zählte 72 neue Schuhe und 72 neue Frauenkleider; an jedes Stück den Namen der Tochter gesteckt.
„Auf das Sommerhalbjahr!“ Ostern ist zu früh in Deutschland, sich anders zu kleiden; erklärte er mir. Jeder Tochter ein Paar Sonntagsschuhe und ein Paar Wochentagsschuhe; ein Sonntagskleid und ein Wochentagskleid. Zum Winter, um die Fischzeit, geht es mir wieder so! Ich sehe, ich bin wirklich ein lächerlicher Vater für andere in der ganzen Gegend; für mich oft ein weinerlicher! sagte er aber seelenvergnügt und heute wieder in vollem Glanze einer zufriedenen glücklichen Seele. Die Sommerkleider bezahle ich mit grünen Gurken oder Kirschen; die Winterkleider mit sauren Gurken oder Pfeffergürkchen. Er entließ die beiden Lieferanten bis nach dem Anprobiren der neuen Sachen, und sprach: Wie viel hundert solcher, erst winzigen, dann immer größern, besseren Schuhe hat die gute Mutter Erde schon für mich bezahlt! Gut ist’s, wenn in einem Haushalt Jedes zu Etwas besonders angewiesen ist, als seiner Quelle, seiner Möglichkeit! Wie hält man da auf alles! Sie sollten nur sehen meine Kinder Melonen pflegen, (denn das sind — Brusttücher) die wälschen Nüsse klopfen, (denn das sind Bücher und Musikalien) — die Champignons suchen, (denn das sind Zwirn, Nähnadeln und Stecknadeln) die Gänsefedern und Kielen sammeln (denn das sind Bücher, Papier, Siegellack und Postgeld). Einer mißrathenen Kasse darf eine der reichlich gerathenen ihre Wohlthätigkeit beweisen. Als ich anfing lächerlich zu werden, wollte ich dazu zu lachen scheinen, und fuhr — wie man meine Kutschen ins groteske Deutsch übersetzte — mit drei Heuwagen voll Mädchen auf den Ball. Wie Ich geärgert ward, so ärgerte ich einige Töchterbegabte Väter wieder, und bat die weitläuftigen Freier derselben auch zu uns zu Gaste! Und dergleichen, und dergleichen. Denn es ist thöricht, von beschwerlichen, ja gefährlichen Dingen nicht auch den Scherz und die Genugthuung zu erndten! Meine Töchter bekamen den übelsten Stand; sie sollten nicht zu sehr gefällig erscheinen, wie Mädchen aus dem Kinderliede „fünfzehn um ein Strohseil“; und, wie alle Fehler leicht in ihr Gegentheil umsetzen, gab ich acht, und es gelang mir: daß sie aus Haltung und sehr gemessenem Wesen nicht stolz wurden; wie es einem Vater mit 10 großen Töchtern und einem Sohne in der nahen Stadt L...... ergangen ist, denen eigentlich die vielen barocken Anecdoten zukommen, welche die Sage — nun auch von meinem Hause umherträgt. Sie werden sehen und unterscheiden.
Jetzt sah ich durch das Fenster; Vier Lieutenants kamen geritten. „Jeder auf einem Pferde“ setze ich der Folge wegen hinzu. Der Vater fuhr fort:
In welche seltene Lage hat mich der himmlische Vater hineingesegnet, mich, der ich doch fortwährend meinte: doch endlich einen Sohn in der Ehestandslotterie gewinnen zu müssen; das war mein tragischer Fehler. Da ist mir mein Schicksalstrotz vergolten! Ich leide gerechte Strafe, der ich doch kein Majorat habe, die Niemand mehr Mode machen wird, weil vernünftige, alle ihre Kinder gleichliebende Eltern nicht um Einen Gesegneten die andern so zu sagen verdammen wollen: sich in der Welt herumstoßen zu lassen als allerhand Gethier. Denn Sinecuren, Befehlshaberstellen in aller Welt, käufliche Hauptmanns- und Majorpatente sind wir nicht zu haben so glücklich wie die Engländer. Ich allein kann noch reich heißen; meine Töchter eher arm; soll ich Siebenzehen von ihnen selbst mit dem Blitz erschlagen? Reichthum hilft so schlimm wie nichts: Töchter an Männer zu bringen. Denn von nur 10 schönen Töchtern, deren jede eine Zehntel-, vielleicht eine Fünftelmillion Mitgift erhält, hat mein hochverehrter polnischer Freund, Graf N...., jetzt in D.... erst Eine an Mann gebracht; während Tausend arme Mädchen umher Tausend von Männern im Lande geheirathet haben. Auch Schönheit hilft nicht zur Heirath, möchte ich sagen dürfen. Gute Wirthinnen sein — gar nichts. Angesehene Verwandte haben — gar nichts. Gesundsein — nichts. Selbst Bucklige, Küchenignorantinnen, den Scharfrichter zum Vetter, versorgt Hymen.
Jetzt kamen Vier Herren in Einem Wagen gefahren. „Referendarien“; bemerkte der Vater, und sprach weiter: