In die Bäder — diese vornehmen Gesindevermiethungs-Märkte — zu fahren mit so vielen Töchtern, wäre rasend! Auf Messen und Jahrmärkte mit den angreifischesten Artikeln, unklug! Auf Bälle Eine oder Zwei, ist fruchtlos. Kein Mädchen ertanzt sich einen Mann. Ja, viele vertanzen sich die Nehmer. Denn schon die jetzigen rasenden Tänze machen die schönsten Gestalten, Gesichter, Kleider — im Schwunge geradezu unsichtbar; alle Grazie weicht vor der Wuth; und nach dem Tanze steht ein keuchendes, pustendes, krebsrothes oder todtenblasses bedauernswürdiges Wesen (das nur die Wiener mit dem Wort Pamperlätschen bezeichnen können), da, von den Herren bedauert, weil es Grazie, Gesundheit, Schaamhaftigkeit durch den privilegirten schaamlosen Ballanzug wegwirft — um einen Mann zu ertanzen. Das soll ein Vater mit anhören und ansehen! Etwa Ich! Meine Töchter tanzen nicht, bis die reizendste Pantomime von der Welt, die Minuett wieder Mode wird, und das schöne Steyerisch, wozu wohl noch die steyrische Mädchentracht gehörte. Und nur nach den vergeblichen Fischzügen und Angelhakenauswerfen und Reißenlegen ängstlicher Eltern, was bleibt noch: als ehrsame, wohlerzogene Mädchen im Hause aufsuchen zu lassen! Aber da müßte man wieder eine große vergißmeinnicht-blaue Tafel auswendig über die Hausthür setzen lassen mit den großen goldenen Worten: „Suchet, so werdet Ihr finden“ (das „Ihr“ ja höflichst mit dem großen I!) „Klopfet an, so wird Euch aufgethan;“ und die Tafel inwendig Abends zum Fortgehn illuminiert: „Vergeßt das Wiederkommen nicht, theuerste Freunde!“
Jetzt, sahen wir, kamen fünf schwarzgekleidete Predigtamtscandidaten jeder auf seinen Füßen gelaufen!
„Sie sehen, sprach er, an Heirathscandidaten fehlt es nicht. Gott, wer Gefühl hat, will nicht heirathen? Jedes Mädchen ist gleich bezaubert und gebannt von dem Wort: Wollen Sie heirathen? Denn in dem Wort steckt Alles, was Jugend und Phantasie nur wünschen und träumen. Erst bei der Frage: Wollen Sie mich heirathen, sehen sie sich „den Mann auf Tod und Leben“ etwas genauer an, und haben den Freier sogleich ganz und gar auf einmal weg auf ewige Zeiten; richtiger, wie ein Wechsler die Wichtigkeit eines Dukaten oder die Aechtheit eines Steines nach drei Tagen Probe. Diese Sicherheit, diese Schärfe eines fast augenblicklich summarischen Urtheils ist die wahre Gottesgabe der Mädchen! So beurtheilt die junge Biene schwebend jede Blume vollkommen wahr für sich. Zuletzt, glaub’ ich, das Wahre getroffen zu haben: mannbare Töchter müssen Eltern weder verbergen noch vorführen, also in anständigem Verkehr bleiben mit der Nachbarschaft, mein Herr Nachbar! Was Niemand sieht noch kennt, kann Niemand liebgewinnen und wählen. Guter Ruf der Eltern empfiehlt die Kinder weit genug umher. Denken Sie aber, wie viel müßten mir Freier kommen, wenn meine deux fois neuf-Mädchen, zweifachen Musen und sechsfachen Grazien schnippisch und kostbar auswählen sollten; mein Herr Nachbar? Wie wohlerzogen und schön müssen sie alle sein, daß sie alle jeden Gekommenen hinreißen — wie Göthes „feuchtes Weib“ den Fischer, mein Herr Nachbar. Ich stelle also aus väterlicher Weisheit den Herren, welche kommen, höchstens Drei, besser Zwei, am richtigsten nur Eine meiner Nereïden vor. Zu viel Liebes verwirrt; jedes Weib ist des Andern Vernichterin, Eine hebt die Andere auf. Einzeln ist jede ein Kleinod. Wie würde etwa Robinson Crusoe schon über die Fräulein Po...... in Berlin oder das berühmte aufsätzige „Kind“ entzückt gewesen sein! Müßte aber vor jedem jungen Manne, der ein Weib nehmen will, der ganze unendliche Zug von Mädchen auf der ganzen Erde in Putz, oder ohne allen Putz, vorüber ziehen — welcher Parademarsch[1] von den hundert Millionen Hindostanerinnen, Perserinnen, Cirkassierinnen, und so aller anderen, in geziemendem anständig langsamem Schritt, der ein Schauen, Lächeln und Zulächeln gestattete, und freilich mehrere höchst angenehm verständerte Monate ausdauern dürfte, — so würde der unglückliche Heirathskandidat, wenn sie alle vorüber marschiert wären, wenigstens wahllos, rathlos und verwirrt geworden sein. So ist eine Bildergallerie eine Bildermords-Anstalt, wo nicht nur einzelne leidliche, reizende Bilder, sondern selbst die besten alle Tage ermordet werden.“
[1] Hiezu erscheint hoffentlich eine Illustration.
Jetzt kam in einer blasenden Extrapost (die ganze Erscheinung für ein von Menschen geschaffenes Thier angesehen und angehört) ein an seiner Uniform als Postsecretair erkenntlicher, sehr angenehmer junger Mann.
„Meine der Natur nachgemachte List, sprach Herr von Heiligenhahn, hat Früchte getragen; denn wie die vorigen Gäste, so ist auch dieser ein an der Natur, als an schön blühender Venus muscipula Klebengebliebener; kein Freier, sondern ein Nehmer; ein furchtbarer, oft ehrenräuberischer, manchmal sogar tödtlicher Unterschied! Denn die geradezu göttliche Kraft der Weiber: in Einem ihre Welt zu schauen, diese wohlerdachte Eigenschaft: überschwenglich glücklich zu werden, wird auch durch die Maske der Liebe, die ein blos lüsternes, betrügerisches, von der Natur auf den Kauf gemachtes Männchen vornimmt, der Weiber äußerstes Unglück, die dann verstandlos wähnen, gar keines Mannes werth zu sein, wenn ein Betrüger ihrer unwerth war! So unsinnig sind sie aus Herzentzündung!“
Mein Herr Nachbar, der mir, ich wußte nicht wie, eine Respectsperson geworden, schwieg, setzte sich, und eine Falte, die sehr oft seine Stirn gefurcht haben mußte, furchte sich wieder, und tief. Doch lächelte er dabei und schielte unter den Wimpern tiefsinnig hervor. Seine Reden waren so wahr! Aber daß er so offen solche Hausgeheimnisse redete, die wohl vielen tausend Vätern das Herz bedrücken, das machte mir den Mann unheimlich. Es fiel mir ein, daß er um die Zeit, wo er sein erstes Gut verkaufen müssen, tiefsinnig gewesen sein soll, und dann wieder, als er sein zweites Gut um die Erziehung der Kinder willen — verstoßen. Doch soll sich der Tiefsinn nicht schlimmer als nur dadurch geäußert haben, daß er an seinem Pianoforte die Melodie von „Freut Euch des Lebens“ mit Einem Finger gespielt; oder einige Male Hölty’s schönstes Lied also gesungen:
und weiche keine Meile weit
von Vaters Wegen ab!
Ich besah mir indeß einige Bilder an der Wand dieses Ankleidezimmers und fand unter colorirten Modejournalbildern, worauf Mädchen und Mütter mit kleinen Mädchen und Knaben freilich bejammernswürdig zum Muster gekleidet da standen, wie die neuentdeckte hundertste Art Familienaffen, oder Affenfamilien. Darunter stand die Schrift: „Putzaffen“ und der Vers, angeblich von Logau: