Nach aufgehobener Tafel zerstreuten wir uns in den Garten, und das junge Volk entwickelte und sonderte sich allmälig in Paare und entfernte sich im Gespräch. Aber alle wandelten wir übersehbar im Schatten der Bäume; und auf dem weiten Wege im Kreise begegneten Alle in kleineren und größeren Zwischenräumen Allen. Das nannte Herr von Stifter eine große Liebespolonaise. So war ich zuletzt mit Brigitten und Arminien allein stehen geblieben. Die Freundinnen führten sich jetzt, so daß ich bald dieser, bald jener zur Seite gehen mußte. Als wir aber zu den beiden jungfräulichen Wittwen, zu Antonien und Augusten gekommen, die, ihre verlobte Schwester Afanasia in der Mitte, im heimlichen Gespräch auf einer Gartenbank saßen, und leise Brigitten winkten, beurlaubte sie sich von mir; die drei Schwestern standen auf und alle Vier gingen weit hinter nach dem Gartenpförtchen. Der Bräutigam wollte ihnen folgen, aber Afanasia bat ihn zu bleiben.
Ihre Stimme klang wie eine Geisterstimme, sprach ich zu Arminia. Eine so betretene Braut habe ich kaum gesehen! Wenn sie über Tisch ihren Bräutigam anblickte, verwandelte sich ihre Farbe in Blässe. Daß Antonie, daß Auguste heute aus Erinnerung ihres Glückes, oder — verzeihen Sie — ihrer todten Männer, zu keiner Freude kamen, oder vielmehr erst recht in Trauer versanken, das finde ich so wahr und treu und lieb, daß es mich selbst innig gerührt. Aber Afanasia — — doch ich habe kein Recht zu fragen und wünschte es so — so — so über alles in der Welt, denn nur ein....., ach, kann es mir geben!
Wer? fragte Arminia.
Und auch ich mußte es ihr sagen: ein Engel, eine Göttin, meine Göttin.
Und sie freute sich ächtweiblich. Und warum soll ein schönes Mädchen nicht auch hören, was sie ist! Denn der tiefsten Wahrheit gemäß, ist ihre Gestalt ja eben nicht erst so lange vom Himmel, ist auf Erden das Schönste — und bleibt nicht so lange, wie ja die Sonne weiß. Auch flüsterte mir Herr von Stifter bei Tische ins Ohr: „Es ist doch von Dalailama und allen Petern unläugbar: Kein Mann von allen möchte einen Geist heirathen! Kein Geistlicher selbst! Säßen diese schönen Jungfrauen hier alle als Geister — hui, wie nähmen die Herren alle Extrapost und Courierpferde bei Nacht und Nebel, kämen nie wieder, verwünschten das Schloß und sprächen: darinnen spuckt es! Also was zu beweisen war, also heirathen alle Männer: Leiber, wo möglich mit Geist, aber wenn nur mit Liebe, vor allem gern schöne Leiber, und solche, die Weiber heißen und sind.“ — Darauf ließ er mich die schönen Mädchen alle bewundern, besonders Brigitten und Arminien, wozu ich schon vom Himmel am Probegrabe Gelegenheit gehabt.
Gelegenheit, Miteinanderalleinsein und gepreßtes gedecktes Gespräch also thaten auch an mir das Wunder, dem Herzen Sprache zu geben. Wie ich weiter an den Engel und die Göttin anknüpfte, was ich weiter stammelte oder ausströmte — ich weiß es nicht mehr — denn ich bin kein Göthe, der sich selbst und sein lebendiges Präparat der Liebe behorcht, wie ein Tonsetzer vor dem Instrument, um Studien zu machen. Ich, war hingerissen! Das Ergebniß meiner Worte war die Antwort von Arminia: In sechs Wochen nach meiner dritten Schwester Afanasia Hochzeit bereiten Sie sich auf meine Entscheidung. Bis dahin gebe ich Ihnen alle mögliche Hoffnung, selber schon das Jot vom a, so daß Sie nur noch das kleine a zu der ganzen A...rmini...a zu erwarten haben.
Wir standen zufällig vor dem Beet, wo sie in der Erde gelegen. Sie erröthete, verneigte sich mit gesenktem Gesicht, wandte sich rasch und ging zum Vater. Und ich sah ihr nach, sah sie hingehen, mit welcher Bezauberung von ihrer Gestalt, ja Erstaunen vor ihrem „in der Welt sein!“ Mit welchem Entzücken der Ahndung, solch ein Wesen, das so gewöhnlich „ein Weib“ heißt, zu — besitzen. O welche Göttinnen schlafen und schliefen schon alle im Himmelblau! Nun sind sie hier, sie sind da — und in Einer sind alle dein. — Das mußt’ ich der Sonne sagen, und sagt’ es ihr leise hinauf. Aber sie schwieg.
Da trat Brigitte wieder vor mich hin, und lächelte mich an. Ich fragte sie nicht, sie gestand mir nichts. Sie fragte nicht, ich gestand ihr nichts, aber sie sah mich so wehmüthig an. Jetzt ging ich mit ihr zu dem offenstehenden Gartenpförtchen. Eine schwarzeiserne Thür in weißem Marmor. Drüber auf himmelblauer Marmortafel mit goldenen Buchstaben:
Hier bist du hinausgegangen —
Wann kommst du hier wieder herein?