Eine Verlobung erregt anderer Mädchen Herzen, erweicht sie, zieht sie an, und macht sie handgiebig. Besonders wenn eine Schwester des Hauses Braut ist, oder gar geheirathet hat, dann sind alle leichter zu erwerben. Denn ein leiser Neid erweckt mit Recht ein Begehren nach den göttlichen Dingen. So auch hatten die Herren Referendarien, Candidaten und Offiziere heute das Leben sehr süß und hoffnungsreich! Aber da ich ihnen, durch Vater und Tochter gewiß schon als künftiger siebenzehnfacher Schwager im Herzen lebte, so war doch auf keinem der schönen Gesichter ein Zug des Neides, ein Zürnen über Zurücksetzung wahrzunehmen. Wie schön, dacht’ ich, auch, wann — Schwestern, ein Haus voll, so einträchtiglich und gönnend bei einander wohnen! Was für Arbeit und Mühe, Pflege und Lehren des Vaters und der Mutter stecken doch in Kindern, wie in einem Nelkenflor der Gärtner steckt. Nur unsere Brigitte aß auch nicht, sondern sah ihre Freundin Arminia mit den allerzärtlichsten, ja wirklich liebebeladenen Blicken an. Sie bewunderte sie; sie erblaßte und erröthete vor ihr, daß ich nicht wagte, das arme Häschen anzusehen. Aber wie zärtlich streichelte sie auch den sammtenen Kopf meines Hundes, der als ein stummer, aber gewiß tiefaufmerksamer Beobachter und Kundiger der Seele seines Herrn neben Brigitten saß! Versteht sich, auf der Erde. Der Psycholog! Der Herzenkenner! Konnte mir nicht eine Stimme vom Himmel damals zuflüstern, was später einmal der Weiberkenner Herr von Stifter mir sagte: „Liebende Weiber lieben alles, was ihr Geliebter liebt, sogar seine Geliebte. Sie allein finden den Weg: sich selber quasi zu lieben! Ja, im Morgenlande finden Männer-schwärmerisch-liebende Frauen zuletzt jedes schöne Weib zum Anbeten schön!“ — Mir geschah nur, daß ich einen Augenblick denken mußte: „wenn Du Brigitten so aus dem Grabe gezogen!“ — Darüber mußte ich wenigstens mit dem Stuhle rücken, um nicht gar aufzustehen. Da erblickte ich mir gegenüber die blasse unglückliche Frau von Stifter, und ich war vollständig retabliert. Fast ein jeder Bräutigam soll noch in der Entscheidungsstunde einen solchen Abschiedsanfall haben, wo ihm alles geschauete Schöne und Liebe noch einmal — zur Prüfung — vor Augen erscheint. Dann macht die Phantasie ihr Bilderbuch zu, und die ernste Liebe tritt heran. Denn die Liebe, sie, die allein wahre, die alles Leben hervorbringende, alles berauschende Glut aller Welt, ist das ernsteste und lebensgefährlichste Wesen zugleich. Verwandelt, zersetzt, zerstört und nur leise gekränkt, ist sie Gift und Tod, wie kein anderes Schrecken. Arminien betrafen meine Augen auf einem langen finstern wie recht zürnendem Blick nach mir. — Das lobte mir Herr von Stifter, der heimlich mich gern rasch zur Verheirathung mit Arminien drängen wollte, mit den Worten: „Finstere Mädchen, lohende Herzen. Heiter lachende Mädchen machen finstere Männer. Ich möchte wohl wissen, worauf die Finstern so zürnen? Denn es ist keine Verstellung. Ich glaube, wenn ihnen ein Mann verkündigt wird, das ist kein Scherz!“
„Gewiß nicht“ sprach seine Frau gegenüber in ihrer Rede mit dem Nachbar, und Herr von Stifter ward über das unwillkührliche Orakelwort finster und stumm. Weil man ihn Barnabas Habakuk Gallus getauft hatte, deswegen war er ein Todfeind von Kalendernamen und hatte seinen Söhnen, nach Art der Alten, bedeutende und mahnende, nicht zu Tode abgetragene Namen gegeben, die ich über Tische im Gespräch von ihm nennen hörte: Ehrenfest, Wohlgemuth, Fürchtenichts, Freimund. Wie wohlthätig wären auch zeitlebens sie erinnernde Namen, sagte er, statt hohler unverständlicher, nichtssagender, heiliger, weil sie alte Schafe schon getragen haben; jeder besondere Mensch ist seinen eigenen Namen werth. Doch still! Wo bliebe sonst das Brigittenfest etc.! Doch ernstlich, auch vom Kalender müssen wir uns emancipiren, besonders von Krebs, Scorpion; Zusammenkunft, Drachenkopf und Drachenschwanz, Erdfinsternissen; denn die Sonne wird nicht finster, und von den Schaltjahren! Ich sehe, Sie freuen sich über meine Söhne, die einen König freuen würden, die armen Menschen! Bei den abscheulichen unchristlichen Türken wären sie nach ihrem Gesetz Menschen, wahre Söhne, Erben — ehrliche Leute! bei uns über alle Türken bis zum Himmel erhabenen künftigen Seligen, gilt ihre Sohnschaft und meine Vaterschaft — nichts. Welche Schande für alle Götter, selbst für die als albern bekannte Erde! die Türken ehren und achten jeder Mutter Kind dem andern gleich; jedes Frauenzimmer ist also bei ihnen in der Hauptsache emancipiert, und die ärmste Schöne kann Kaiserin werden, und Mutter sein mit Ehren und mit Gerechtigkeit. Dort ist, Gott sei Dank, kein unschuldiges Kind, kein Fehlender mit dem Fehler verachtet.
Jetzt wurden Gesundheiten getrunken und wir alle sammt und sonders auf Sonntag über acht Tage zu Afanasia’s Hochzeit geladen.
Mit einem eintretenden Bedienten war Arminias Reh mit hereingekommen, und wollte den Braut-Strauß von Afanasias Busen sich kapern, aber er war zu fest, dagegen erwischt’ es Arminias Strauß. So ein Thier! Sie ließ ihm die Blätter, da es die Blumen zerrupft hatte. Das war ein Characterzug, den ich mir merkte.
Meine rechtschaffene Mutter zog eine traurige Miene zu dem Orakel. Wir hatten sehr lange getafelt, und als wir im Begriff waren aufzustehen, meldete der Bediente dem Verlobungsvater, den Herrn von Rizzi. So blieben wir noch an der splendiden Tafel sitzen. Denn mein gewünschter Schwiegervater sprach: Ach, mein eigener, oder mein Stroh-, Hafer- und Heufreund, der redliche liebe Postmeister vom alten Geschlecht der Rizzi!
Der lange hagere feingebildete Mann trat ein und überschaute sein Unglück.
Wahrscheinlich in seiner letzten Angst hieher nachgefahren, um noch geheim ein Wort an seinen Rheingraf zu verlieren, hatte er sich hinter das Heu versteckt, das er zu handeln kam; und wohl empfangen als gütiger braver Mann und Duzbruder aller Welt, mußte er sich jetzt der Fräulein Afanasia als eines Rheingrafens verlobter Braut vorstellen.... sich mit seinen fünf Töchtern zur Hochzeit einladen lassen, und des „überraschendrasch“ verlobten Brautpaares Gesundheit in, ihm wahrscheinlich wie pures bloßes Wasser oder bittere Tisane schmeckenden Champagner trinken. Denn mein Nachbar von Stifter machte mich aufmerksam, daß dem Herrn von Rizzi dabei die Thränen im Auge standen und hatte die Worte gehört, die er beim Niedersetzen dem Brautvater zugemurmelt: Dir kann niemand etwas verdenken! Du hast angeborene vielfache Vorrechte vor uns allen. Du bleibst dennoch uns andern Vätern allen der liebe Leidenstrost, die lebendige Altar- und Taufstein-Hoffnung! Meine Paar Rizzi’s werde ich vor meiner Ruhe schon noch an Folgende anbringen. Denn hoffentlich wirst Du nun deinen Rheingraf poussiren; ich gratulire Dir also von Herzen! denn eines rechtschaffenen Vaters Noth ist groß, die fahren sechs Beiwagen nicht!
Darauf trank er ein „Hurrah“ dem Rheingrafen, Herrn von Postmeister! — wie er sich in seiner sich sedimentirenden Verlegenheit noch versprach, statt dem Postmeister, Herrn von Rheingraf.
Aber — kein Hurrah im gebildeten Europa! sagte höflich der tapfere bildschöne Offizier von P....., nachdem Herr von Rheingraf sich für die Gesundheit bedankt; Hurrah ist von Praga und Suwaroff her, ein garstiges russisches Wort! Hurrah ist auch ganz unverständlich, ja eine zu freimüthe Assonanz, ganz unaussprechbar vor manchem „hohen Balkone,“ wie Schiller sagt. Dieses schnarrende, trommelnde Wort ist das offenbar allein unedle von unserem ganzen Soldatenleben. Ich bin kein Sprach- sondern Herzens-Purist! Wir Deutschen haben ja unser schönes Glück auf; oder klingt das zu unterirdisch, oder wie der Wunsch: Glück aus, so haben wir das: Glück zu: oder das „Heil“; gewiß aber immer das schöne „Lebe hoch“ — hoch, hoch in allen Lüften! was — Viele so Vielen wünschen. Aus wohlmeinendem Scherz tranken nun alle dem Herrn von Rizzi ein Glück zu.... (zu was, das ward nur angedeutet) und noch Eins und zum dritten und letzten Mal Eins, dem ganzen Geschlecht der Rizzi; wofür er sich, als aus Italien stammend, aber der Italienischen Sprache vergessen, sich für uns zur innerlichen Freude überaus feierlich bedankte.
Der gute Vater weinte aber, da er seinen einzigen unvergeßlichen Sohn verloren, und wir küßten ihn ruhig.