Aus allem diesem nahm ich ab, ich solle abnehmen: daß sicher noch Niemand Anwartschaft auf Arminia habe. Ich blickte zur Sonne, um mich zu stärken, mit Muth zu erfüllen, indem ich mir an ihrer Ewigkeit alles zu Traum verschweben lassen wollte, nur Arminia eben nicht! Dann sprach ich wahrscheinlich — denn ich hörte nichts von meinen Worten —:

Geben Sie mir dies Mädchen zum Weibe!

Kurz darauf setzte ich hinzu: Gestern, als sie begraben war, hätten sie mir sie gegönnt!

Er lächelte, als dächt’ er: heute lebt sie; dann antwortete er mir: Herkömmlich ist es, sich für die Ehre zu bedanken.... die ich nicht begreife. Sie scheinen zu lieben; das würde Ihr Glück sein, wenn ihre Liebe — — Liebe ist; (mir fehlt ein Gleichniß, ein Beiwort, denn der Liebe gleicht Nichts). Prüfen Sie sich. Daß Sie aber meine Tochter von mir, dem Vater, verlangen, bei mir um sie anhalten, das erlaubt drei Antworten auf drei Voraussetzungen. Eine, die: Ich sitze, wie ein Mann in der Bude, überhäuft von Waare. Ich muß losschlagen — mit Schaden —; und meine Töchter sind so wohlerzogen, so dankbar und mir so gehorsam, daß Ich nur ja sagen darf. Aber meinetwegen in allen Dingen, nur in der Liebe keinen Gehorsam! Das heißt mit der Liebe. Das ist ja eben die bittere Erfahrung, die jetzt viele Tausende machen: die Liebe läßt sich nicht befehlen; nur das, mit Zwang ja mit Abscheu „Thun“ — zur Noth. So aber meint der reiche alte General — der gestern um meine Arminia angehalten hat, und heute kommt, mein Jawort zu holen. Hier ist ein Brief. Er ist wahrscheinlich kein Frommer, der sich auch den Glauben und das Beten hat zum Schein befehlen lassen, und denkt: Ich und Er werden mit dem Schein, also mit der Heuchelei zufrieden sein, weil er hochgestellt und reich ist. Ich werde nach Tisch ihm die Antwort schriftlich zusagen, und Sie sollen die Antwort concipiren! Auf gleiche Bedürfnisse schließt man weltliche Bündnisse, und Verträge mit Denen, die gegen unsere Bedürfnisse fanatisch denken und handeln. Also muß der Brief ein Concordat mit ihm sein. Das wirksame Gefühl dazu geben Ihnen etwa die Sätze: Alle goldenen Schätze und Kreuze, ja Kronen eines Alten, wiegen nicht die jungen Jahre eines Mädchens auf. Das ärmste Bauermädchen, das den alten uns bekannten Dalailama heirathete, wäre schändlich um das betrogen, was die ganze Welt Einem nur einmal zu geben hat, um die Jahre, das Leben! Der Werth der jungen Jahre ist unermeßlich! Dagegen ist aller Reichthum der Reichen nichts, gar nichts; aller Rang und Stand der Berangten ist dagegen nichts, gar nichts. Denn die Jahre sind die einzigen Gaben der Welt an Jeden, sein eigener schönster und höchster Besitz, die Blüthe der Zeit, die Frucht der Ewigkeit. O möchten doch alle vermeintlich armen Mädchen einsehen, was sie besitzen mit ihrer Jugend! Aber die Unschuld nur giebt uns Achtung vor uns selbst und Werthgefühl unserer selbst, jeden Haares an unserem heiligen Leibe, heiliger, als Reste von Todtenknochen, und wenn Gott selbst der Todte wäre! Ein Alter, der ein junges Mädchen liebt, wie er seine Anfechtungen nennt, hat den Weltverstand verloren und meint, was ihm tausend Fälle bestätigen: die Mädchen denken: „lieber äußerlich glücklich, als doch nicht innerlich! Lieber Pein und Strafe, als Leere! Lieber schlecht und kurz geheirathet, als gar nicht.“ Solchen Unverstand müssen Eltern mit Gewalt brechen. Stellen Sie sich vor, junger Mann und hoffentlicher Herr Schwiegersohn: eine alte Frau will Sie zum Manne haben; und mit der Erbitterung gegen diese ehrwürdige Dame, verfassen Sie dem alten reichen hohen Herrn den Absagebrief, aber so artig, als wenn die Begehrte — Arminia wäre.“

Ich versicherte meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz auf den Brief zu verwenden.

Die Zweite Antwort für Sie wäre: Sie ahnden und ehren den Verlust, den ein Vater leidet, wenn er ein Kind hingeben soll! Die gediehene Fruchtpalme seiner Sorge und Mühe, seine als holde Lebendige auferstandene Lehre, Liebe und Treue, einen Hauptgewinn seines Lebens — da Sie dem alten Stamme die grünen Zweige abhauen, daß er kahl und leer stehen soll, bis er eingeht. Mögen Sie dafür einst mit der freudigen Wehmuth belohnt werden: dem heiligen Gange der Welt sich hoffnungsvoll zu fügen. Eine Tochter glaubt man wegzugeben, zu verlieren — ein Sohn scheint etwas zu nehmen, zu gewinnen — eine Frau. Aber beide sind verloren; doch wenn die Kinder gewinnen, dann werden gute Eltern reich. Dr. Troxler hat mich versichert, meine Herren Schwiegersöhne würden fast lauter Söhne haben. Der Familientypus, der Mensch bleibt: „Mädchen und Knaben sind nur Revers und Avers derselben Goldmünze der „Geister-Falschmünzerei““ — spricht unser Nachbar von Stifter darein; weil seine gute Frau, die bei ihm zum bleichen Gespenst sich verzehrt hat, ihm gar keine Kinder gebracht; und seine Verwandten ihn verhindern, daß auch nur Einer seiner Nebensöhne legitimiert werde, um sein nicht fern von hier liegendes großes Majorat zu erben. Deswegen ist er schon bei Lebenszeit nach Ostfrei gezogen, das seiner Frau verschrieben ist. Sie werden die Unglückliche sehen, die so gut ist, wie ein homerisches Weib, das seines Mannes natürliche Kinder mit solcher Liebe und Eifersucht, und solchem Neid und Gram erzogen, daß sie bald zu den Schatten steigen wird. Und stellen Sie sich vor, diese Unglückliche wird in weitem Kreise hiehin und dahin als wunderthätiges Bild geholt! — eingeladen von Frauen schon oder noch wankender Greluchons. Und ihr Anblick, ihr Schweigen, ihre himmlische Geduld, ein leichtentschlüpftes Wort, ihr widerwilliges leises tiefes Aufathmen, das ein Seufzen oder Gebet schien, hat nach ihrem Abschied die verstocktesten, verblendetsten Männer ihren Frauen zu Füßen geworfen.

Trotz meiner Rührung freute ich mich; denn welchem Schwiegersohne kann man eine einschneidendere Warnung geben, als er that; und noch mehr dadurch, daß er mich darauf bei Tisch der wie vom Tode erstandenen blassen armen Frau gegenüber setzte, von der ich schon bei meinem heutigen ersten Besuch vor Jammer fast übereilt geschieden war. Er zahlte mir also schon Gold „auf den Schwiegersohn“ aus!

„Meine dritte Antwort an Sie wäre, fuhr er fort: Sie haben den weisen Vorsatz: Du mußt dir die Liebe der Geliebten gewinnen. Ohne zu lieben heirathen, ein dich nicht liebendes Weib nehmen, ist Todsünde, weil es nicht das wahre göttliche Leben bringt. Liebe ist ja die ganze Sache dabei. Mit Begeisterung muß alles geschehen. Die Begeisterung ist alles selbst. Ob einander Liebende dann verstehen die Liebe zu erhalten, das ist ein Anderes. Darum ist ein Herrnhutisches Losen und Gelost werden die Austreibung — des höchsten Wesens! Darum ist Weibergemeinschaft: Erniedrigung unter den Elephanten! Nur Jüngling und Mädchen lieben einander mit der Liebe, die einzig den Namen Liebe verdient! Sie nur macht Weib und Mann glücklich, glücklich die Kinder. Nur unter Weib, Mann und Kindern ist Liebe — gegen Andere alle ist nur: Agape, und von ihnen ist auch nur Agape zu verlangen, Anderen wohlzuwollen, wie sie uns; aber Niemand kann sich selber lieben, also auch nicht alle Anderen. Aber alle Anderen lieben sich untereinander, aber alle nur als Mann und Weib und Kinder. Und das thut der Eisbär! Das, die Vögel alle in allen Nestern! Das, die Blumen und Blüthen alle! — Das ist der Geist der Welt und ist das, was man sonst die Seligkeit nannte, aber was sie allein überall wirklich und ewig ist. Andere sollte man nur agapiren wie sich — aber alle Liebende lieben den geliebten Anderen mehr wie sich! Die Schlange läßt das Leben für ihre Kleinen! Die Menschenmutter stirbt für ihre Kinder — und mit Freuden! mit Freuden! Glücklicher kann der Geist der Welt in keiner Gestalt werden. Ich wünsche meine Tochter glücklich. „Darum, heißt es, soll Dich die Tochter lieben; wenn der Vater, als Hausverstand sie Dir geben soll! Zwinge sie also dazu dadurch, daß Du ein Mann bist, durch alles was und wie Du da bist und was Du hast. Denn das alles eben bist Du. Nur hüte Dich, daß die Geliebte nicht blos Deine Liebe liebt, und sich Dir aus Rührung, Eitelkeit, Mitleid oder Weiblichkeit nur ergiebt. Ihre Liebe muß nach Dir heimlich weinen!“ — Aber zu dem allen spreche ich, und gebe Ihnen ein Zeichen: Wenn Arminia zögert und ihr Jawort zu geben hinausschiebt, dann gerade liebt sie Sie. Denn jedes Haus und jedes Herz hat seine eigene Religion! Ich werde ihr von Ihrem gottseligen Vorhaben sagen, und wenn sie bei Tische nicht ißt — dann trinken Sie auf meine Gesundheit! —“

VIII.
Verwickelungen.

.... Und ich konnte trinken! darüber trank mir wieder der schon innerliche Schwiegervater zu. Die Mittagstafel war aber zugleich Verlobungsfest der Afanasia mit dem Postsecretair Rheingraf, einem allerliebsten jungen feingebildeten mit Sprachen und Wissenschaften reich versehenem Adligen, der sich der Einpferchung und Einstellung zum Schwiegersohn seines, an schönen und guten Töchtern, so wie an Gelde reichen Postmeisters, heimlich und glücklich entzogen hatte.