Durch das Frühstückszimmer gingen wir dann in das Ankleidezimmer. Ich durfte durch eine halb mir geöffnete Thür einen Augenblick in das leere Bad der Nereïden sehen. Dann ladete der Vater mich in einem Cabinet auf ein Sopha zum Sitzen ein; er setzte sich mir gegenüber, zog an einer Schnur, und leis und rasch schwebten wir hinauf — auf seiner früher angedeuteten Treppe, die sich wieder senkte — und landeten gleichsam droben in dem freundlichen Schlafsaal mit den schneeweißen Lagerstellen der Mädchen. Eine kleine, kleine gothische Kirche mit Thürmen, aus Gyps geformt, mit bunten Glasfenstern, nannte der Vater — die Nachtlampe. „Den Schwestern liest Eine aus den neuesten Religionsbüchern vor; dann spielt sie ihre Seelen durch die schändlich im Volke vergessene Glasharmonika in den Schlaf. Früh erweckt sie sie so, und liest ihnen und sich dann Leben und Tag überschauend, weihende Worte.“ Unter den „neuen“ Büchern fand ich Astronomische und auserlesene Poesien. Nur Eins hat mir Mühe gemacht, sprach er lachend: das Frühaufstehn! Ich mußte zu dem verzweifelten Mittel greifen, am hellen Morgen den Nachtwächter vor dem Fenster der süß und fest schlafenden Mädchen ein Horn blasen und singen zu lassen. Das war wohl Schande! Doch nur in der Meinung der Verschlafenen. Der Nachtwächter aber wußte von mir nicht anders, als er solle mir den Haushund gewöhnen, daß er über sein Horn nicht heule; welche Abgewöhnung ich nicht in der Nacht vornehmen wolle. Ein Hauptfehler wäre: Kindern durch Ausplaudern ihrer kurzen vergänglichen Fehler, Schande oder Nachrede auf Lebenszeit zu machen! Der Fehler wird verbessert, selber die Kinder und Eltern vergessen ihn. Aber Nachrede bleibt. Die Sache mit dem Nachtwächter ist wahr; aber von einem Andern auf mich, als eisernen Erzieher übertragen ist die Begebenheit: Ich hätte meine stets unvorsichtige und ungeduldige große Tochter Armida in kurzer Zeit von Ungeduld und Unvorsichtigkeit dadurch kurirt, daß ich ihr für ein Tag und Nacht im Busen ausgebrütetes Ei 100 Louisd’or gegeben. Was hilft, ist ein Mittel; und es sieht mir ähnlich! Denn Vorsichtigkeit und Geduld einer Frau sind wohl Goldes werth, und mit 100 Louisd’or durchaus nicht zu theuer bezahlt!

Darauf führte er mich in die Kinderschatzkammer — in das grüne Gewölbe der Jugend, wie er sagte. Aber eine weiße Gestalt war uns leise nachgekommen, nur von mir bemerkt. Sie blieb in der Thür stehen, erröthete vor mir und schlug die Augen nieder. Das war wohl lieblich! Ich erkannte Arminia! Mir klopfte das Herz auf. Ihr gewiß auch. Aber wer anders war da sie zu retten bei ihr in der Noth, als Ich? Denn die letzte Schwester war, verzweifelnd an ihrer Auferstehung, zum Vater gekommen. Wer müßte der sein, der ihr nicht geholfen! Ich fühlte: wie heimlich vertraut wir einander geworden waren und blieben. Sie that keinen Schritt; sie blieb stumm. Und der Vater forderte mich auf zu sehen: die vielen kleinen Jahresschuhe der Kinder! unter durchsichtigen Florstaubschleier. Das war wohl liebliche Waare! Dann eben so die schneeweißen kleinen Strümpfchen, wie für Lämmchen; dann die kleinen Kinderhäubchen alle; rosig, himmelblau, grasgrün, golden — und die Schneeweißchen, Tauf- oder Westerhemdchen mit Spitzen. Lieblich! — Dann mußte ich die Reihe Puppen sehen, zerspielt, mit ernsten Gesichtchen: jede ihren Namen aus dem Kinderparadiese, großgeschrieben in der ausgestreckten steifen Hand! — Hier, das erste Gestricke der Kleinen! Dort das erste gesponnene Garn, vom Vater Katzengarn genannt. Und von der Decke hingen die Christbäume alle, jeder mit seiner Jahrzahl, vertrocknet, fast nadellos; die paar Nadeln daran gelb und braun, wie Haare in einer Gruft! Auf den Zweigen noch die Enden der Wachstocklichtchen, die goldenen und bunten Rosen, und die Zuckermännchen und Weibchen. — Dann wieder die ausgestopften Vögel, die einstige Freude der Kinder: Rothkehlchen!... Zeisig!... Staar!... Kanarienvogel! Dabei ein Lämmchen, ein kleines Hündchen, ein Eichhörnchen. Das war wohl lieblich! Mir war so, als wäre ich in den Himmel gekommen, in das Zimmer, worin der Kindervater seinen unsterblichen Vorrath hat, und daraus immer den Menschenkindern herabfliegen, herabbringen läßt, was ihnen Freude macht. Aber da lagen noch im Sonnenschimmer auf blauer Seide gebettet, unter hellen Glasglocken, die Kinderhärchen! Das war wohl lieblich! Rings umher aus den goldenen Rahmen aber sahen noch die Bilder der Kleinen lächelnd in ihre Kindertage! Und so stand auch der Vater, der jetzt Arminia erblickte und sie zu uns winkte. Sie kam. Der Kukuk rief wieder — dieser Schutzheilige, Allgegenwärtige in den Frühlingen der Jugend und des Alters, der Vogel der Hoffnung und der Erinnerung — und erweckte uns die Gefühle von gestern.

Sie stand vor uns. Aber nicht etwa ein Lächeln war unter ihrem Gesicht verborgen. Und der Vater sprach:... Und Tochter, Du dankst nicht unserem Freunde?

Ihre Glieder regten sich zu einer Bewegung, die gleichsam im Keime, im Hervorbrechen erstickte. Doch reichte sie mir die Hand und bemühte sich mir in die Augen zu sehen.

Das ist schon mein Weib! sprach meine Seele heimlich jauchzend zu mir.

Der Vater aber entschuldigte sie mit den Worten: die Begrabene fühlte sich, wie alle ihres Gleichen, durch den Todesschlaf der Angst überhoben, die wir alle um sie trugen — nun fühlt sie unsere Angst nach!

Sie lehnte sich an den Vater: sie küßte Ihn — ein himmlisches Zeichen zu Gunsten meiner — dann bat sie ihn zu Tisch zu kommen, wo mich und ihn die Anderen schon lange erwarteten.

Ist der alte General da? fragte er.

Auch; antwortete sie, sich die Lippe beißend; und Herr von Stifter mit seiner Frau und den vier Söhnen? Sie verneigte sich ganz erblaßt und ging. Er sah ihr nach und meinte dann: Wie gern seh’ ich meine Tochter noch in ihrem Frieden, so noch ungedungen! unbezwungen von Augen und Herz und eigener Himmelsgewalt. Aber ich muß des Nordlichtes schon gedenken, das bald in ihre Blüthen, auf ihre Früchte, in ihre Nächte fällt.