Ist es denn wahr „„Gebt täglich dem Weib: Schmuck! Spitzen und Kleider!
Und nie frägt sie nach Mann, Kinder und Himmel und Gott?““ —
Nein! das ist Lug! Denn kost’ es dem Mann Gut, Ehr’ — Ihr das Leben,
Fragt sie noch dann nach — Hut, Schleier und Hauben und Band!“
Er sah mich lesen und sprach: „Das war ein schwerer Punkt, der Mode trotzen lehren: Achtzehn junge Weiber im Hause! Ich mußte zu den bittersten Räucherungsmitteln greifen: die Wespen zu Tode zu räuchern! Was ist schöner, und den edelsten Marmor-Götterbildern gleicher als ein ohne Bänder aufgewachsenes Mädchen! Von allem das Verführerischeste sind am Weibe die Hüften, und ich beschuldigte alle Wespenweiber offenbarer Verführung zu — dem schwer von einem Vater vor seinen Kindern auszusprechendem Worte — Wollust. Sie erblaßten vor Schaam. Ihre reine Seele war besiegt — das Uebrige that ein Seitenstück zum Bilde eines Trinkermagens, das Bild einer, an der Schnürbrust, elend und schmerzlich gestorbenen Apothekerstochter in S****. Den herzgewinnenden Ausschlag aber geben die Pariser Abgüsse der unvergleichlich schönen griechischen Marmorbilder der Frauen, die dem Bildhauer zur Medizeïschen und der Capitolinischen Venus Modell gestanden — mit vollen Taillen. Jener Nachtwächter hatte Unrecht, die Frauen lassen sich schon etwas sagen, aber nicht mit Worten auf der Gasse, sondern mit reizenden Dingen. Die Sinne der Frauen müssen besiegt sein, dann ist es ihr Verstand. Wir reden das unter uns. Vatersein, Muttersein ist ein Amt, das einzige, höchste, göttliche, und das süßeste, belohnendste! Dieses treu zu erfüllen, bin ich weiter nichts geworden als ein Vater. Ich hoffe aber: eine Schaar Töchter, künftige Gattinnen und künftige Mütter wohl und schön ausarbeiten, wie ein Bildhauer in Fleisch und Geist, das heißt viele Männer glücklich machen, eine Heerschaar weise ins Leben geführter Kinder und Enkel in heiliger Stille säen! Ich habe nur Einen Wunsch: Endlich auf meiner jüngsten Tochter Hochzeit tanz’ ich den Großvatertanz, davon glücklich ermüdet schleich ich zu Bett, und — bin todt. —
In solchen Worten schaute ich keinen Unsinn, keinen eingeschlichenen Gedanken; und wir gingen durch saubere freundliche Arbeitszimmer der Mädchen, worin er mir kurz sagte: „Leibliche Arbeit muß mit geistiger Freude bedeckt werden“, wie den Kameelen ihr saurer Weg durch frohe Schalmei! Darum ist die Zeit gewonnen, nicht verloren, die Eine dazu verwendet, Allen vorzulesen. Was? steht dort im kleinen Bücherschrank.“ —
Das war eine Aufforderung. Aber ich will nicht verrathen, welche Bücher ich dort nicht fand. Es könnte es manche Celebrität übelnehmen. Eins aber sage ich: ich erstaunte, wie viel Kernbücher schon die Deutschen in aller Stille aus freier göttlicher Seele geschrieben haben! Die Deutschen werden mit Völkerrecht auch ihre deutsche Bibel haben, damit es wieder etwas Neues zum Verbieten und zum Verbrennen giebt.
„Wenn ich ein Kaiser oder nur ein König wäre, zu welcher Schule des Lebens wollte ich die jahrelange Versammlung der Jugendblüthe des Volkes machen, welche „Soldaten“ heißt! O Gott, welche Gelegenheiten werden versäumt, auf ewig versäumt; „denn auch die Jahre des Volkes sind gezählt!“ Das sagt’ er stöhnend und auf der Stirn furchte sich seine düstere Falte. Ich fand auch deutsche Journale, wozu er sagte: Fast in jedem Journal stehen schöne, wahre, oft für immer merkwürdige Aufsätze oder Stellen, an welchen die mächtigsten Magen zu verdauen haben. Diese, nämlich die schönsten Stellen aus den jährlichen Journalen, müssen gesammelt und dem Volk als Bücher gegeben werden. Die Weiber, da sie gerade das größte Interesse am öffentlichen Volksleben haben, um nicht im Hause die öffentlichen Sünden zu büßen, oder ihre Söhne und Brüder zuletzt einer Verwirrung zum Opfer zu geben, die Weiber müssen in das Volksleben gezogen werden, um miturtheilen und mit den Männern Stimmung geben zu können; darum muß die Jugend, die heranwachsende Mutterschaft schon Kenntniß erhalten, und ein deutsches edles Weib doch so viel, wie jede Höckerfrau in England! Wo Volksverlangen und Volkswohl ein Geheimniß ist, da wird es auch unsichtbar bleiben. Sela! nicht etwa Amen! Aber wie fällt meine deutsche Jugend über die Wahrsagungen und Prophetenstimmen her! Der morgende Tag, das morgende Brot auf dem Tische ist ihr nicht so wichtig, wie ihre Zukunft auf Erden, in welche sich die vormalige ewige Seligkeit verwandelt hat. Aber kommen Sie in den Musiksaal!“
Darin nun überzählte ich 10 Pianoforte, außer dem Directionsflügel, einer herrlichen „Repetition“ von Breitkopf und Härtel in Leipzig, mit einer Claviatur, elastisch und Händebeflügelnd zur Wonne! von einem Tone, erst in der Ferne recht laut und klar. Mein Schulmeister stimmte nur eine Saite, wie er sagte. Vor Abend, sprach der Vater — denn bei Licht Noten lesen ist bei Cassation den Augen der Meinen verboten — werden wir Ihnen und den Gästen eine Sonate à quarante quatre mains vortragen. Warum setzt man unserem deutschen Schröder, der durch das Pianoforte die Musik vom Himmel in alle Häuser getragen hat, nicht auch ein Monument! Wem verdanken unsere, als Muster aus jedem Hause zu werfende Pianofortekünstler ihren Ruhm und ihr Gold? Schrödern! Also Ihm als Tantieme ein Conzert von Jedem! dazu legt jeder Pianoforte-Spieler Einen Pfennig — und so ist das Monument erbaut. Ohne Musik kein deutsches Leben mehr. Musik ist unsere halbe Religion, unser Herzenscultus des Himmlischen allen in der Natur. Der Conzertsaal ist der Tempel der Gefühle, wie an jedem Musikherd, dem Pianoforte — diesem hölzernen Engel, und doch einem Engel! Wer hat schon ermessen, welche Ströme Andacht durch die Musik neben der Kirche vorbeifließen! Wer ermißt die Tiefen der Musik ohne Text, der Jeder frei weltprotestantisch sein Herz unterlegen kann und unterlegt; selbst die Ultramontanen und unsere Citramontanen thun das, die gar nicht wissen: wie frei sie die Musik macht, sonst wäre sie längst verboten, und jede Liedertafel wie eine Herzen- und Seelen-Freimaurerloge, auch noch verboten. Aber den Deutschen die Musik zu nehmen, daran scheiterte endlich Alles. Und wie die Musik die Gemüther erhebt! wie Beethoven die Männer stählt und stolz und feuerfest macht, wie Prometheus! Aber vergeblich war der Schwalbe Warnung an die Vögel: den blühenden Lein auszureißen! die Vögel kannten die Stricke und Netze daraus nicht; „die Vögel lachten;“ Gott regiert die Welt durch Wetter und Wind, und auch die Musik ist so ein Wind! jeder kraftreiche seelenvolle Tonsetzer ist sein Untergott. Aber still, daß wir nicht Kaffeeriecher — Tonlauscher bekommen, deren freilich die unmögliche Zahl von ein Paar Millionen zu besolden wären. Auch ein Quartett von Haydn werden wir Ihnen vortragen. Denn selbst Mozart hat aus so kindlich großem Herzen kein Quartett geschrieben: Haydn ist unser tiefer Orpheus und klarer Homer zugleich. Blos den Quartetten Haydn’s verdanke ich den Besitz meines Herzens, und dadurch der ganzen seligen Welt, von Thau und Blume bis Mensch. Mit seinen Adagio’s und Andante’s darin, getraue ich mich einen vollkommnen sittlichen Menschen zu bilden, ohne jedes Buch, ohne alles „Wort“. Denn Worte sind auch nur in Laute übersetzte Gefühle. Bloße sittliche Worte kenne ich aber nicht.
Mein Schulmeister und Lieutenant spielte jetzt den ersten Satz der einzigschönen Sonate Beethovens, Op. 18 aus C moll, während ich die Musikalien musterte, die endlich so bequem aufgestellt waren, daß sie nicht unter den andern aus dem Stoß durften hervorgezogen werden. Welch ein Reichthum, und nur von den schönsten Werken, unserer Meister! Lohn’ Euch Gott, ihr Künstler! betete ich fast; da ich bedachte: der ächte Künstler arbeitet für die ganze Menschheit, für alle folgenden Geschlechter. Wie viele dieser Werke schon in Amerika, in Ostindien, auf den Inseln oft an schönen Tagen und Nächten ihre Blüthe entfalten und duften, so werden sie die Runde um die ganze Erde machen! Ich brach aber die Hände, nun ich hinaus sah, und ahndete: Alle diese Blätter wird einst die Natur wie Baumblätter verwehen, begraben! Das alles wird nicht mehr sein! Ich klagte das laut. Aber Herr von Sangallo sprach, das bedeutet uns Freude! Was auch andere Sterne in dem großen chemischen Wetterglase das Welt heißt, des Schönen besitzen: Helena und Homer haben Wir allein! nur Wir haben in aller Welt: die schöne Venus und den Apollon, Göthe und Schiller, selber das Wort „und“ haben wir allein! Das ist auch etwas werth: einzige Schätze besitzen! Und die größten Deutschen werden erst kommen, wir sind berechtigt sie erst zu erwarten; so wie das ganze deutsche Volk, nach den Frühlingsstürmen, in herrlicher Blüthe mit reichlichen Früchten in seinem heiteren ruhigen Herbst! Amen, das heißt: das Werdewahr! —