Nach dem Essen fuhren wir Westfreien spät im Mondenglanz nach Hause. Wir schwiegen zu Anfang; keiner wollte den Schein haben, das Haus zu bereden, oder die Fremden. Aber endlich brach denn doch die Frau Pastor aus und sprach: Stecken uns die Fische an? So stumm sein, nach so viel Geschautem und Gehörtem ist doch unmenschlich. Es ist zu natürlich, daß alle aus einer Gesellschaft nach Hause Gehenden, das Haus, die Speise und Getränke, die Bedienung, den Koch, das Geschirr bei Veranlassung des kleinsten Fehlers bereden, aus Besserwissen oder Besserhaben oder Besserwünschen tadeln; die Heuchler aber alles in Bedauern einkleiden. Dann kommen die Herren und Frauen Gäste daran, welche unter der Maske redlicher Theilnahme wieder bedauert werden. Dann scheidet eine Gesellschaft, eine Familie unterwegs von der anderen, und nun beredet jede besonders wieder die Anderen nach gehöriger Entfernung. So mögen auch wir jetzt beredet werden, denn mir klangen die Ohren, und wie!

Wohl nur von der Zugluft auf dem See; sprach ich, wie allen nach Hause Gehenden leicht nach der Erhitzung durch Zimmer, Getränk und Gespräch. Oder.. so wären es gar die Götter selbst, die das Klatschen erfunden, indem sie durch Ohrenklingen zur Rache erinnern! Da muß ich etwas erzählen: Als ich jüngst in der Hauptstadt war, hörte ich, daß ein vornehmer Wirth, der loyalste prächtigste Mann, nach einem in Wahrheit übersplendidem Fest schändlich war beredet worden, von den Heuchlern, daß er, wie Pyrrhus, nach mehreren solchen gewonnenen Terrinen- und Bouteillen-Schlachten das Feld werde räumen müssen. Er hatte daher zum folgenden Fest im reizenden Boudoir einen kostbaren kleinen Schrein in einer Ecke angebracht, auf die Thür desselben das Wort „verbotene Frucht vom Baum der Erkenntniß“ setzen — und den kleinen goldenen Schlüssel daran stecken lassen. Das hieß eine schöne Eva reizen — und lesen. Bald winkte sie einem Legationsrath, der gelesen; und Andere zum Schränkchen schickte. So schickte auch Einer mich hin, und ich las: „Ein freundlicher Wirth giebt alles von Herzen gern allen Magen ohne Dank zu erwarten. Aber Undank thut weh! Möchte doch Jede und Jeder mir gnädig ihn aufsparen bis nach dem Fest bei einem Anderen, und Diesem wieder so lange! Denn ich habe 100 solche Schränkchen unsern vorzüglichsten Festgebern zum Geschenk gemacht. Wo Sie also ein solches Schränkchen oder großes Buch mit der Aufschrift „Verboten“ erblicken, da bitte ich, sich meiner großgünstigt zu erinnern, auch wenn der Hausherr schonend die Inschrift, als jetzt notorisch nicht ausgestellt hätte. Noch melde ich, daß auch zwei kleine kostbare Schwur-Boudoirs für Herren und Damen besonders eingerichtet sind, welche vor Eintritt in die Gesellschaft schwören wollen: einander nicht zu bereden, oder moralisch todt zu schlagen. Der Zugang dazu ist geheim, so daß jeder von dem anderen annehmen kann: er habe geschworen, und nun sicher von ihm nicht beredet zu werden, ihn auch durchläßt. Gezeichnet: Graf N.

Wir lachten und schwiegen. Nach langer Zeit erst setzte ich mich zu dem alten guten Herrn von Hase und fragte ihn theilnehmend, warum er denn gar so still, so unaufgeweckt von anderer Freude sei?

Die Türken haben einmal einen braven Mann gehabt, sprach er seufzend, der hat Mezzo morto, der Halbtodte geheißen. Der bin ich wieder. Meine Freunde in der Stadt haben für mich gesorgt, und ich kann Bogenschreiber werden, zu 3 Kreuzer den Bogen. Aber meine Hand will nicht mehr fort, weil meine Seele vom Unglück gelähmt ist. Ich habe keinen Trost, als daß meine Frau gestorben ist, ohne meine Lage zu erfahren! Denken Sie, so etwas muß mein Trost sein! Aber es ist ein großer Fehler, daß ein Mann alle seine Geschäfte geheim hält und allein betreibt, um seiner Frau die vorübergehenden Sorgen und Gedanken zu ersparen! Denn die Weiber wissen den besten Rath, haben viel unbrauchbare Einfälle, aber ihr Herz entdeckt auch den rechten, wie durch Eingebung; sie trösten gewiß, und so sind sie getrost und getröstet. Für meine Liebe ist meine Frau nun ganz- und ich bin halbtodt, und mein armes Häschen, das lebt und möchte leben. Unglück ohne Aussicht, auch wenn man Blitze zu Blicken hätte, lähmt völlig. Denn es ist alles vergebens zu sinnen, zu reden, zu thun. Warum ich esse und trinke, ist mir unbekannt. Ich sehe völlig klar: alles Menschenthun ist nur ein Streben nach einem inneren Ziel; ich beneide Niemanden, ich beklage Niemanden, selbst mich nicht. Am liebsten schlafe ich, oder sitze mit gefalteten Händen. Ich würde doch entlassen als Bogenschreiber! Nur drei Bemerkungen möchte ich zum allgemeinen Besten niederschreiben. Wenn ein Gut sieben bis achtmal verkauft wird, so hat die Landeskasse den ganzen Werth dafür baar durch Verschreibungskosten, Lehnwaare, Stempel und Taxen. Das hieße also: Behaltet was ihr habt, kauft und verkauft nicht so oft! Güterhändler sollten unerschwingliche Gewerbsteuer zahlen, statt frei davon zu sein. Dann: Wann ein Käufer offenbar über die Hälfte betrogen ist, dann sollte ihm ein Jahr lang der freie Rücktritt zustehen. Die Clausel der Verzicht über oder unter die Hälfte, sollte nicht gelten. Und zuletzt: Wenn zwei Jahr dürre Zeit und allgegenwärtiger Mißwachs im Lande sein wird, dann hilft Gott dem Volke ohne Mühe zu allem Erwünschten; wie er mit 29 Grad Kälte, Deutschlands unüberwindlichen stolzen Feind mit der großen Armee in Rußland nur weghauchte. Das prophezeihe ich, nämlich Gottes Hilfe allein und gewiß. Nur partielles Unglück ist Unglück, das hab’ ich erfahren.

Er schwieg eine Weile, dann ergriff er meine Hand und sprach leiser: Haben Sie nur noch einige Zeit Geduld mit uns! Nehmen Sie nur nicht übel, daß so oft allerlei Weiber und Mädchen aus unsern Dörfern in Ihr Schloß kommen, und mit Bündeln! Ich bitte sie alle, nur ja recht leise aufzutreten! Und sein Sie nur nicht böse, daß meine Tochter so oft und vielmal hintereinander, leider so laut, in die Hände klatscht! Sie stärkt Wäsche für die Leute, Hauben, Bänder, Tücher. Es geht wirklich nicht anders! Ich habe es selbst auf alle Arten versucht! Und dann, daß sie den armen Staat, zwar hinter den Fliedersträuchern, doch immer in Ihrem Garten aufhängt! Die Nacht aber trocknet die Wäsche nicht; sie wird thaunaß! Wir haben versucht, die Wäsche in unserm Gewölbe zu trocknen, und haben eingeheizt; aber lieber Herr von Kopernick, da haben wir uns bald zu Tode geschwitzt, und der Schlag hätte mich bald gerührt; doch kam ich mit Zahnschmerzen weg! Lieber Himmel, da hatte ich doch wieder einen Wunsch, daß mir die Zähne wehe zu thun aufhörten, wie man sagt, oder daß mir die Bratwurst wieder von der Nase fiel! Verkennen Sie mich nicht, daß ich einmal scherze. Aber wie gesagt, das arme Mädchen ernährt mich mit der lieben Wäsche, und wenn sie so in die Hände klatscht, da denken Sie gütigst nur, sie klatscht mir Brot und sich — Dank. Mein neues Halstuch, daß Sie freilich in der Nacht nicht als neu zu erkennen vermögen, aber es ist wirklich neu, das hat mir das arme Häschen auch — — — —

Brigitte hatte aber des Vaters Worte gehört, kam, hielt ihm den Mund zu, und sprach nur leise: „Vater!“ Der Vater zog sie an sich, und sprach: Schilt den Vater nicht, der sein Kind ehrt! Du bist doch mein gutes Häschen!

Es war kühl. Ich gab dem alten Manne meinen Mantel um, und in ihren Gefühlen verloren, nahmen beide das so an, und sie hüllte ihn dicht darin ein.

Um uns aus der weichen Scene zu bringen, fragte mich der Pastor: Aber was sagen Sie zu dem guten Postmeister von Rizzi, der seine schon auf Jahre voraus verlobten Töchter vor Freude schon immer gnädige Frau nennt! — Mich rührt das tief! Der sorgliche treue Vater ist ein Repräsentant so vieler Väter jetzt im Vaterlande, die zu solchen Mitteln greifen müssen, die Tänzer auf Bällen auffordern zu gehen, um mit ihren Töchtern zu tanzen; die jungen Männer, die in Jahren erst ein Weib nehmen und ernähren können, in Beschlag zu nehmen, sie buchstäblich am Aermel zu führen; nach der Verlobung: „Gott sei Dank“ zu sagen; dem Herrn Bräutigam Anstellungen zu verschaffen durch goldene Sorge; den amtlos oder kleinbeamtet Vermählten jährliche, so zu sagen, Pensionen zu ertheilen, daß jeder Vater zuletzt selbst „Oel geben“ möchte! Das ist die wahre reine heilige Vaterliebe im gerechtesten Widerstreit mit der, den jungen Männern allen jetzt zu spät möglichen Ehe! Weiter nichts, nicht lächerlich, sondern zum Weinen tragisch. An späten Ehen geht ein ganzes großes Volk unter; jedes Land verdirbt dadurch, weil es entsittlicht wird, indem es lieblos gemacht wird. Denn wie ist das Leben der meisten Spätverheiratheten Männer! und wie muß es fast sein! Alle spät, das heißt immer zu spät verheiratheten Candidaten, Beamten u. s. w. müssen verdorben sein, ihre Weiber unglücklich, oder doch nicht glücklich, wozu sie das himmelschreiendste Recht haben! Die Ehe ist in so späten Jahren eine Spekulation; die Braut muß nur reich sein; dann muß sie passen, wohl oder übel; sie muß die Kosten ersetzen, die Schulden decken, als Wittwe leben können und die paar Waisen erziehen! Alte Männer wollen reiche Weiber. Ein liebender junger Mann ist mit einer jungen Frau allein zufrieden, ja wenn sie kein Bett mit brächte! kein Kleid auf dem Leibe hätte! Das ist die einzigrechte Zeit zum Heirathen! Das ist Glück! Das ist Ehe! Und nun wie voreilig, wie unvorbereitet: die Ehen unauflöslich machen zu wollen — denn geschehen wird es nicht, weil es nicht kann — welche Grausamkeit! Da habe ich gehört von einer Gesellschaft von Sanct Francis de Regis (nicht de Regibus), die in Belgien armen Leuten mit unehelichen Kindern die Verheirathung bezahle, damit ihre Kinder eheliche Kinder werden, ehrliche Kinder wie Schneekönigskinder im Märchen! Wieder die Pferde hinter den Wagen gespannt! Die Ehen müssen erst möglich gemacht werden; es müssen nur Leute einander heirathen, die ohne einander nicht leben können; sich lieber das Leben nehmen möchten, als einander entbehren; die so wohlerzogen sind, so duldend, beschieden und bescheiden, so durch Kinderliebe gefesselt, so einander ehrend, daß man sie zerhauen müßte, um sie auseinander zu reißen. Jammer, Schande, Elend, Verzweiflung unauflöslich machen, das heißt die Hölle unsterblich machen wollen, was wir nur dem sogenannten Teufel zutrauen. Welche Einzelne geben gute Paare? Das ist die Frage! Und wie können sie sich vereinigen? Das aber will Niemand fragen, aus Furcht der Arbeit mit Umwandlung so vieler Formen! Da habe ich mir die jungen Herren Offiziere so recht herzinnig beschaut, ihnen zugehört. Welche Vaterlandsliebende — also gewiß bis auf das Herzblut tapfere Männer! Wie gebildet, wie gelehrt in ihrem Fach, wie schönes junges deutsches armes Blut! Und wie sind sie mitten im Leben aus dem Leben verbannt! — Und die Herren Candidaten! solche junge Männer machen dem Lande, das sie hervorgebracht, Ehre. Und wann werden sie das gelobte — Pfarrhaus erblicken! — Und die Herren Referendäre, die mehr Gerechtigkeit im Herzen tragen, als in allen Büchern steht, wann werden sie ihre Bräute heimführen? frühverliebt alle, manche frühverlobt, tritt ein vergelbtes sehnsuchtverdorrtes Paar vor den Altar, woran junge Leute wie Adam und Eva gehören, die übrigens gar nicht getraut wurden, und doch ihre Kinder liebten. Denn ich wüßte kein ehrenrührigeres Gebot, als:

„Jüngling! du sollst eine Jungfrau lieben und zu dir nehmen zum Weibe!“

und: