Mutter! du sollst deine Kinder lieben!

Der alte Herr von Hase bejahte das alles immerfort! Unter diesen und andern Gesprächen waren wir nach Hause gekommen, und schieden mit dem: gute Nacht! Am andern Tage ließ meine rechtschaffene Mutter den armen Betjungen begraben; und ich beschloß, ihm, der Nachwelt zur Nachricht, was es heut zu Tage für untergegangengewähnte Träume in sogenannter Menschengestalt gegeben, ein Monument setzen zu lassen; verfaßte die Inschrift und bestellte es sogleich. Ich besuchte darauf auch den in einer Dachkammer meines Schlosses sitzenden armen Schelm, den Betmeister Nox (nicht etwa Knox) der seiner Ersäufung vergessen, wieder ganz wohlgemuth dasaß! Auf dem Gange zu ihm hatte ich Brigitten begegnet, die feuerroth vor mir geworden war. Ihn fand ich wie einen Zauberer, über dem Buche Tobias brüten. Er war ein weitläuftiger Verwandter von Heiligenhahns, darum schonte ich ihn; ja ich gab ihm Taschengeld und Speise und Trank. In den folgenden Tagen sah ich ihn Würmer suchen und angeln am See, wo er alle Arten Fische, auch in weidenen Reußen fing. Die Fische schenkte er weg, und ich bekam erst eine Ahndung davon, wozu er sie fing, als ich eines Abends zu meinem offenen Fenster herein große Lamentation aus dem Garten vernahm, daß die Sperlinge ihm seine, auf Horden zum Trocknen und Dorren ausgestellte Lebern verzehrt! „Er will den Engel des Herrn von Heiligenhahn spielen und den Eheteufel Asmodi verräuchern“, sprach nach unauslöschlichem Gelächter mein Pastor. Er ist aber doch nicht rechtgläubig — er schreibt einem gewissen Fisch, also atheistisch und glaubenlos der Natur höhere Kraft zu, als dem Engel selbst und der Begehung des Opfers, weil er von allen erlangbaren Fischen die Leber nimmt, um die rechte ja dabei zu erwischen! Da können ja aber die andern das Rezept verderben! Es ist zum Lachen und Weinen: aber auch zum Trost: Denn die Verwirrung zeigt aller Dinge Ende an, vom Thurm zu Babel bis zur Schlacht bei Belle alliance; ja die Verwirrung ist schon die Verwesung; wenn dagegen eines lebendigen Baumes nackte Wurzeln sogar nicht in der feuchten Erde verfaulen!

Eins aber will ich denn doch gestehen, mußte ich meinem Pastor sagen; wenn ich eine Jungfrau wäre, und mir Sieben liebe schöne junge Männer vor dem Brautbette weggestorben wären, was ja möglich ist, so würde ich doch kopfscheu und brautbettscheu werden, und einen Achten, der mich verlangte, aus Liebe zu ihm und zu mir doch erst wohlmeinend zu den sieben Gräbern führen!

Das möchten Sie als zaghaftes Mädchen thun, sprach der Pastor. Aber wäre ich auf gut Pythagoräisch mit meinem Pastoral-Verstande der achte Bräutigam, so würde ich eine solche betrübte Siebenmännerwittwe gar nicht nehmen, als nunmehr mit Herzen und Gedanken unerwerbbar, darauf ihre siebenfach erschütterte Liebe und siebenfacher Tod liegt; aber getrost jede Andre; obgleich vielen jungen Bräuten und jungen Frauen die Männer wegsterben. Daß aber Einem oft geschieht, was allen tausendmal geschieht, das ist kein Wunder, kein Fluch, kein Bann — nur eine Art Conglomerat oder Cumulat — eine Anhäufung. Die ganze, und ganz triftige Ursache, daß es jetzt so viel Gläubige giebt, ist die: daß die Menschen jetzt von allerhand Verzweiflung und Schmach getrieben, so viele und schwere fromme Wünsche haben! Da sie ihnen Niemand realisirt, so realisiren sie sich sie selbst; wie der Dichter sein Gedicht abfaßt, drucken, mit Bildern versehen läßt, und mit Selbstgenüge und Frohlocken als fromme Scarteken in Städten und Dörfern vom durchfahrenden Wagen verliert. Aus Kinderaugen schaut auch die Mutterliebe heraus; was schaut aus unseren, aus den Augen des Volkes?

Meine rechtschaffene Mutter mußte mich aber darauf zu meiner Beschämung erst erinnern, doch dem alten Herrn von Hase sein voriges Wohnzimmer wiederzugeben! Das arme Häschen hatte kein Hochzeitkleid zu Afanasias Trauung, und hatte endlich eins zusammengenäht und aufgefärbt, das meine Mutter mit Erbarmen gesehen. Nun hatte sie auch nichts, gar nichts zu einem Hochzeitgeschenk für sich oder den Vater, da sie alles daran verwandt, dem Vater Güte zu thun. Meine rechtschaffene Mutter ließ ihr alles für sie und den Vater neu und prächtig aus der Stadt kommen; hatte ihr 100 helle Dukaten in den Strickbeutel gesteckt und sie damit zu ihrem in der Stille verweinten Geburtstage beschenkt, an welchem der Vater sich seinen Trauring vom Finger gezogen — und sie gebeten, die Augen zuzumachen, die Finger auszuspreizen und ihr den weiten Ring — auf Zuwachs — indessen auf den Daumen gesteckt. Der Mutter Geschenk aber schien sie gebeugt zu haben; sie schämte sich vor mir, und wenn ich vorüber ging, blieb sie mit niedergeschlagenen Augen und angehaltenem Athem stehen. Wie ungern erscheint die Schönheit doch arm... oder die Liebe. Nur eine Bitte wagte sie nach mehren Tagen an mich: sie brachte eine neue verschriebene Jagdflinte und bat mich, dem Vater für dieselbe seine alte liebe Jagdflinte aus nun meinem Gewehrschranke zu geben! — Wie thut doch angethanes Unrecht die Seele auf, und die Augen! Aber um mich nicht zu verrathen, gab ich ihr zwar die alte Flinte, aber nahm die neue dafür. Wer enträthselt die Lust selbst in bessern Menschen, andern schönen und gar so guten Menschen hart, schneidend hart zu sein? Mir war ganz wohl auf die That! Was ging in mir vor, als ihr die Thränen in den Augen standen? Wie verdrossen war ich, als sie mit Freuden davon eilte! Ich sah sie darauf im Kahn mit dem Vater, der wilde Enten schoß, die sie ehrlich ablieferte. Und auch die Enten ließ ich alle liegen, ohne ihr Eine wiederzugeben. Aber sie dankte sehr für die Freude, die der Vater wieder gehabt! Dann sah ich sie wieder mit ihrem heraufgesteckten Schürzchen und ihrem Töpfchen Milch über den Hof kommen.

Natürlich war ich diese Tage oft drüben in Schloß Westfrei; aber ich bat um das bewußte kleine a umsonst, auch nur um ein großes K, ein kleines u und ein ss von Arminia! Ich beschwerte mich bei Brigitten; ich befragte sie auch über den Engel Tobiä. — „Sie sind recht grausam, Armin!“ antwortete sie finster-bös. Armin nannte sie mich? Spricht sie im Traum? redet sie aus dem vertrauten Gespräch mit der Freundin?

Am Hochzeittage kam Brigitte in völligem Staat mit dem Vater in neuen Kleidern, um sich bei meiner rechtschaffenen Mutter zu bedanken. Sie war so schön, daß sie meine Mutter — vorsichtig, um sie nicht zu verderben, als ihre Schöpfung, an’s Herz drückte. Sie besah sie dann mit Freuden und Lob. Nur irgend ein Ring fehlte am Finger. Die Mutter langte ihr Ringfutteral herbei und bot es mir dar, um daraus der guten Tochter einen Ring an den Finger zu stecken. Brigitte mußte es geschehen lassen und bebte innerlich dabei, daß ihr die Finger sich leise regten.

Wir fuhren dann alle in’s Brauthaus, wo wir den Engel Tobiä obendrauf und mit innerer Ueberhobenheit über uns alle, als faiseur des Tages und der Nacht, der Hochzeitnacht, umhergehend fanden. Er stand Niemandem Rede. Der Zug zu Wasser in den rosenbekränzten Kirchkähnen war schön, über dem Wasser, und drunten. Freude und Sicherheit schaute aus aller Augen. Nur, vor der Thür meiner Kirche hatte die Braut den Trauring verloren. Ein oft sich erneuernder Fall, der aber allemal nur eine unaufmerksame, also zerstreute oder versonnene Braut beweiset, welche Eigenschaften die Leute der Braut dann für ihre immerwährende Eigenschaften annehmen, und ihr Unglück prophezeihen, ohne Recht oder Unrecht zu haben, wie in allen Glaubenssachen mit und ohne Aber; sagte Doctor Schleyerlöser den Tag nachher zu meiner rechtschaffenen Mutter.

Zur Hochzeit waren billig alle Bekannten, oft oder selten gesehenen Freunde und Nachbarn, auch die in der That sehr wohlerzogenen, herzensguten und außerordentlich wirthschaftlich vom Vater gerühmten Töchter, Schwestern von Rizzi. Nur eine Amazone — das vormalige Non plus ultra der Schöpfung für Herrn Barnabas Habakuk Gallus von Stifter — war dem Hochzeitvater auf ihrem Rosse unwillkommen, die junge Gräfin N... und er äußerte seinen Abscheu heimlich gegen uns; worauf ihm Herr von Stifter, heute höflich Recht gebend, sagte: „Die Männer verderben die Weiber und machen sie zu ihren Puppen und englischen Bereiterinnen sogar, nur zu ihrem nie laut aussprechbaren Vergnügen. Und in der That, das Roß ist für Frauen oder gar Mädchen nicht geboren, eher noch eine Jumarte, oder geradezu der wahre leibhafte einfache geduldige Esel. Querreiten — wie widersinnig! nach vorn zu geritten, aber zur Seite gesessen und gesehen! Und, nach dem technischen Ausdrucke, „à la fourchette“ reiten, ist eigentlich gotteslästerlich; und nicht à la fourchette reiten, zeigt doch klar: warum sie nicht à la fourchette reiten! Kurz jedenfalls ist ein reitendes Frauenzimmer blamiert, ausgenommen die Schamlose, bei Schamlosen.“ — So sprach er laut, ja vor Zuhörern.

Ich kenne Sie an ihren Worten nicht wieder! entgegnete Herr von Heiligenhahn.