Das macht, versetzte der schlauverstellte Herr von Stifter: Ich habe vier mannbare, richtiger: weibbare Söhne, und da sehe ich schon ihre Bräute vor Augen, und sehe sie reiten! Sehe aber zum Glück auch meine Hetzpeitsche, Herr Nachbar! Man lernt verständige Leute erst verstehen — wenn man die Jugend mit ihrer Lust ablegt und Andere an seine Stelle rücken sieht. Ich denke aber auch, daß meine Söhne wohl, sehr wohl, hochwohlerzogen sind — weil ich sie mit allen meinen bittersüßen tiefen und weiten Erfahrungen, zum ehemaligen vergessenen Gegentheil von mir, erzogen habe. Ich darf wahrscheinlich — deswegen — um nur Vier von Ihren Töchtern anhalten, und gestatten Sie meinen Söhnen ihren bekannten Weg zu machen: ob ihre Töchter sie leiden und lieben?

Schlag ein, Alter! Greif zu, Vater! sprach Herr von Rizzi! Vier Töchter auf einmal los zu werden, los vom Herzen! Das sollte mir Einer bieten!

Freilich vom Herzen! da liegen sie alle darauf! bestätigte ihm der Hochzeitvater. Ich hörte und sah das, und mußte alle die drei guten Väter ehren und lieb gewinnen. Der Postmeister nahm mich unter den Arm und führte mich zu Tische „zu Ihrer Arminia“ sagte er mir, und zu ihr: „ich bringe Ihnen Ihren Armin!“ Und so saß ich zwischen Arminia und ihrer Freundin Brigitte. Die Betretenheit der Braut Afanasia löste sich in einen Freudenschrei, als ihr der Engel Tobiä in einem verdeckten Becher ihren gefundenen Trauring überreichte. Zu Nacht sollte sogar getanzt werden, wozu aber keine Veranstaltung getroffen war. Die Herren Offiziere und Andere mit ihnen bestürmten den Hochzeitvater. Aber er sagte zum Herrn von Rheingraf und zu mir: Wenn Sie nach meinem gehörten Worte dennoch tanzen wollen, so überlaß’ ich Ihnen den Sonntagssaal; denn der Musiksaal ist den Fremden zur Nacht eingerichtet. Aber — wenn Sie bedenken, und wenn die Mädchen wüßten, wie schädlich ihnen das Tanzen ist, blos schon als das Leiblich-sich-hingeben an junge Männer in solcher nahen Berührung; wenn sie wüßten, wie mancher sich blos satt mit- und an ihnen tanzt — wie unberührbar sie Jedem sein und bleiben müßten, der sie heirathen soll, sie würden nicht so zum Tanz und im Tanz rasen. Aber leider wollen und müssen sich viele Mädchen selbst auch mit und an andern jungen Männern in so naher Berührung einmal doch — satt tanzen! Aber auch dieses Geheimniß ist nun offenbar worden; und dies üble Verhältniß hieße, wenn es ein Buch gewesen, jetzt gewiß auch desgleichen mit Recht „das entdeckte Tanzthum“ oder „der Tanz der Zukunft.“ Von Liebenden aber sagt die Schrift Göthe’s:

Laß du uns wandeln, und laß du sie tanzen,

Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz!

Die Herren Candidaten stimmten ihm bei. Die Herren Referendäre blieben stumm; die Herren Postsecretaire aber vermittelten die Sache mit den Herren Offizieren dahin, daß doch Brautpolonaise und Menuett getanzt werde. Und das geschahe denn überraschend neu, nach der Orgel im Saal, wozu „der Engel“ die Bälge trat. Braut und Bräutigam erharrten so Mitternacht.

Vor ihnen aber entwich schon der Engel, gewiß in die Brautkammer... dem Bräutigam den Tod zu verbannen.

Denn nach einiger Zeit verbreitete sich im ganzen Schloß ein auffälliger unerhörter Geruch, (da ein ungerochner Geruch zu sagen nicht üblich ist, auch wir ihn alle riechen mußten!) Uns Eingeweihten war kein Zweifel, daß der Engel unfehlbar mit dem Räucherpulver betrogen worden sei! Es entstand nach und nach ein kaum mehr zu unterdrückendes Gelächter, blos über den uneinathmenbaren pestilenzialischen Geruch. Viele Damen bissen sich bald die Zunge weg, oder in die gestickten Taschentücher; selbst meine rechtschaffene Mutter beklagte sich vor Lachen über Stiche im Magen; allen stand das Wasser in den Augen, und glücklich der, der in einem Winkel, hinter einer Thür, einem Vorhang oder dem Rücken eines andern das Gelächter einmal ausschütten konnte. Dann hielten sie sich die Seiten und weinten noch. Und wenn der Tod darauf gestanden hätte, da war kein Verhehlen mehr! Die Hunde, die sich hereingeschlichen, wurden pro forma hinausgepfiffen, selbst das Reh ward hinaustransportirt: zum Schein wurden in Wahrheit alle Lampen revidirt; Fenster aufgemacht, Thüren zugeschlossen; von den Bedienten auf glühenden eleganten Schäufelchen mit Eau d’une million de fleures geräuchert — alles umsonst! nur erst recht zum Todtlachen — wir mußten scheiden. Es geschah grandement und mit Anstand. Doch geschah’ es. Einige Töchter waren roth, Brigitte außer sich. Der entschieden Heiterste und Gehaltenste von allen war Sangallo. Ich verdenke Ihnen nichts! sprach er; und wenn Dergleichen einmal durch einen Mephistopheles von Kometen auf Erden geschieht, so läuft die ganze Menschheit davon — und der große Hochzeitvater bleibt allein. Bedauern sie ihn — und vor der Hand mich. Auf Wiedersehen!

Der Postmeister bot uns eine Dose, und wünschte uns eine gute — Nase, am liebsten gar keine. Ich lachte noch im Bett, daß ich keinen Athem hatte. Der arme Bräutigam! die arme Braut!