Ich mußte diese Stelle aus meinem Tagebuche, oder wahrer gesagt: aus meinem geheimen Nächtebuche hieher setzen, um darzulegen, welche meine Empfindungen bei den nun folgenden Ereignissen waren, und wie sie mir halfen klar zu sehen und zu meinem guten Weibe zu gelangen. Um aber von mir zu erzählen, muß ich von einem Stück Welt oder einem Stück Leben Anderer erzählen. Denn der Wind der uns hier umsauset, ist in der Ferne bereitet; die Wolken, die heute über uns ziehen und regnen, sind weit im Weitem gemacht; und die Rose die heute aufblüht, war gestern eine Knospe!

Der gute Herr unseres kleinen Vaterländchens hatte nun eine treuauszurichtende Versendung nach England. Niemand war ihm empfohlener als Rheingraf, leider der neue Ehemann, der eine Nachtpoststelle bekleidend, alle Morgen zu seiner Frau Afanasia gekommen, alle Abende von ihr geritten war.

Uns Brautwerbern ward an dem geplagten Freunde die jetzt noch so geplagte Männerwelt recht deutlich und innig leid. Die größte Sclaverei ist wohl, um Brot seine Zeit, seine einzigen Tage mit Seufzen hinzugeben. Wer nicht Herr seiner Zeit ist, der ist der Unglücklichste. Und wie viele treibt nur die Noth, nicht der innere Beruf: Weib und Kinder am Morgen früh zu verlassen, am Abend spät erst müd’ und verdrossen wiederzusehen; verheirathet zu sein — wie ohne Weib; Vater zu sein — wie ohne Kinder; sie nicht lehren und erziehen zu können. Offenbar ein noch nicht wohleingerichtetes Verhältniß, das seiner Ausgleichung harrt. Wie viel glücklicher als alle dergleichen scheinbarreichen aber wahrhaftarmen Leute, ist das allgemeine Volk auch darin! Der ganze Stand der Handwerker, welcher Stiefeln, Kleider, Töpfe, umgeben von Weib und Kindern, macht; das Landvolk, das mit Frau und Kindern zufrieden sich müht; denen vereint die Tage des Lebens vergehen, das jede Stunde des Lebens mit ihnen genossen. Indeß tröstet die Andern der Stolz, das Geld, die Ehre, die Macht, und die Einbildung: Herren und Köche des Lebens zu sein; oder die Opfer für alle Unmündigen, Unverständigen und Argen. Was überhaupt noch unentbehrlich erscheint, ist ihnen eine freiwillig übernommene Pflicht. Schweigen wir vor ihnen ja von dem Glücke: „seines Lebens fleißige weise Herren zu sein.“

Zu diesem Bedauern kam bald darauf ein kleines Billet vom Postsecretair Rheingraf an Afanasia aus der Stadt. Sie hatte es dem Generalvater, wie wir den Hausherrn nannten, mitgetheilt, dieser den Schwestern, diese dem Engel Tobiä, dieser ließ uns, mit Stolz auf seine Kunst, die wenigen Worte lesen:

Liebes Weib!

Ich komme 14 Tage längstens nicht. Der Herr versendet mich nach London. Er selbst war so huldreich bei der Abfertigung! und was ist denn heut zu Tag Reisen? Er versprach mir die nächste Postmeisterstelle und lächelnd bis dahin eine Tagpost. Dann komme ich alle Abend! Ich bin mit allem wohlversorgt. Bleibe indessen gesund und treu

Deinem

glücklichen Manne
L. v. Rheingraf.

Afanasia weinte. Die Schwestern schwiegen betreten. Selbst der Generalvater bedauerte, daß er nicht gleich den Schwiegersohn zu sich genommen, wie ein alter Patriarch. Wir beritten nach einigen Tagen die näheren, angenehm gelegenen Gehöfte am See, am Wald und an den Bergen, die er auch aus ältern Gebäuden hatte zu freundlichen bequemen, ja geräumigen Familienwohnungen einrichten lassen, welche aber alle noch nicht völlig ausgebaut, nur unter Dach standen. Jeder dieser Villen, hatte er den Namen von einer seiner Töchter beigelegt; und so sahen wir von früh bis Abend die reizenden Höfe: Amalienhof, Alwinenhof, Antonienhof, ja sogar einen Armidenhof, der mir überflüssig schien, und die anderen; bis wir bei Sonnenuntergang in Afanasienhof am längsten verweilten, in dessen, im venezianischen Styl erbauten Wohnhause nur noch die Möbel fehlten. Aber schon die Spiegel standen unausgepackt da, und die Teppiche zusammengerollt. Er zuckte die Achseln und wir ritten heim. Da war schon wieder ein Brief aus Hamburg von Rheingraf an Afanasia gekommen, im Comptoir des Banquier Hamster und Comp. geschrieben, aber abrupt, phantastisch, mit einer unendlichen Abschweifung über den Namen Kalypso, über schöne englische Mädchen und eine Zwergin. Mein Chirurgus Salomon, um Armida willen freilich nicht mehr mein Freund, der gegenwärtig war, flüsterte mir dennoch ins Ohr: Der Brief ist nicht geheuer! oder der wohl, doch nicht der Briefsteller! — Die Freude über die mitgesendeten Geschenke aber ließ alles vergessen.