Darauf kein Brief von London! In 14 Tagen kein Rheingraf. In 4 Wochen keiner! Da weinten die beiden Wittwen wieder. Afanasia kam blaß, mit verweinten Augen. Sie saß mit den Wittwen spät bis in die Nacht an der marmornen Pforte; oder sie gingen alle Drei den Weg weit hinaus in die Kornfelder bei Wachtelschlag ihren Erwarteten entgegen. Aber die Schwestern hüteten sich wohl, Afanasia schon durch das Lied zu betrüben:
Hier bist Du hinaus gegangen —
Wann kommst Du hier wieder herein?
Denn der ambulante Pastor stärkte sie durch den Trost: Ohne Probe, ohne Bewährung keine geistliche noch weltliche Medizin! Jetzt ist eben die Zeit des Glaubens! Auch Armida und Brigitte hielten sich jetzt fast geheimnißvoll zusammen. Sie sah mich zuweilen verstohlen an; sie ward immer stiller, ja dienstbarer, aber dagegen nur strenger, ich möchte sagen enthaltsamer gegen mich. Alles war ja so natürlich; alles war so natürlich zugegangen, treu und tüchtig, wahr und offen — und nur der Ambulante, der Nox, war der Narr; und Narren stecken an wie Kranke. Das will man nicht glauben, oder gerade hoffen so Manche von dieser Ansteckung die Weltrettung! Wenn nun auch Rheingrafs Ueberfahrtschiff in den letzten Stürmen mit Mann und Maus im sogenannten deutschen Meere untergegangen wäre, sprach mein Pastor zu mir, dann ist alles und jedes wohl und weise hergebracht, und Ursach- und folgerecht durch- und ausgeführt; so daß, wer den Vorgang durchschaute, jeden Wassertropfen, jeden Windeshauch dabei heilig sprechen müßte. Aber, aber — Sie, mein theurer Herr Patron, sind wahrscheinlich als Brautwerber und Junggesell schon ein Wittwer! Denn obgleich diese Anhäufung einerlei Geschickes mehrer Schwestern in einem Hause nichts ist, als für Jede Einzelngeschehenes und gewiß nicht geschehen, um uns auf’s Neue zu Narren zu machen; so ist die Sache den Schwestern doch aufgefallen. Sie wissen, der Vater ist nach Auskunft, aber ohne Auskunft zu erhalten, mit Afanasia zum Herrn in unser Hauptstädtchen, vulgo Residenz, gereiset. Warum hat sich ihr Arminia vor allen zur Begleiterin aufgedrängt? Aus Herzensdrang mein’ ich. Auch sind sie auf ihren Betrieb auf dem Heimweg über G.... gereiset, die angebliche Geburtsstadt des Pabstes Gaganelli. Dort hat sie sich etwas in der Apotheke gekauft, um sich zu überzeugen, daß der Apotheker als ein redlicher Bruder alle seine Schwestern bei sich im Hause hat, deren Dreien die Männer alle in den Honigwochen gestorben sind; und nun heirathen die andern drei Schwestern durchaus nicht, weil sie sich als eine Art schöner Tod oder süße Mörderinnen vorkommen. Das ist wahr, sub fide pastorali, und Sie können sich von der Sache durch eine kleine Reise dahin, alle Tage überzeugen und die reichen armen Wittwen und schönen armen Nonnen sehen und sprechen. Auch wissen es alle Leute. Und nun sind für Sie die albernen Folgen: Liebt Arminia Sie nicht, so sagt sie Ihnen nicht das kleine a! Liebt sie Sie, so sagt sie das kleine a noch weniger. Dazwischen werden Sie zu zweifeln haben, und vom wahren Grunde nie Gewißheit erlangen. Auch gefällt meiner scharfsehenden Frau gar nicht der Haß, den Arminia und Herr von Stifter so verwunderlich gegen einander hegen. Meine Frau schüttelt den Kopf. Ich muß es Ihnen sagen.... und mögen es die kommenden Monde nicht erklären: Sie hat Arminia, die Hände vor der gesenkten Stirn verwendet, stehen gesehen, und der Stifter hat mit rollendem Auge in die Ferne sehend, sich mit zwei Fingern die Unterlippe gestrichen; das bedeutet große Verlegenheit. Das Bewundertwerden, das Angebetetwerden erweicht Steine; und gerade Sünder reißen Göttinnen aus dem Himmel —, und berufene selbst ältere Sünder sind Engeln aus Phantasie croquanter als junge unschuldige Engel. Zwar, Tropfen höhlen Steine aus, aber Ueberraschung sprengt Felsen. Das Unglück kommt rasch, aber es bleibt unermüdlich lange. — Zwei Weiber irren schwer! Ihm soll wohl eine Scheidung alles tilgen. Folglich würden Sie dann wohl ihre Freundin Brigitte heirathen, alles thun und alles empfangen, was dieses reichste aller Wörter der Menschen in sich faßt. Meine Frau meint: das edle arme schöne Kind liebt sie von Herzen. Uebrigens, ad hoc, etwas Neues im Dorfe: Die alte Mutter Heidemann ist mit Händen und Füßen, wahrscheinlich auch mit der Zunge dagegen gewesen, daß ihre Tochter Siegemunde einen armen lieben jungen Menschen im Dorf, den Ehrenfried, hat heirathen dürfen — heute morgen haben die Fischer die Tochter todt aus dem See gezogen! Sie liegt noch am Ufer, und der arme Ehrenfried und Siegemundens Bruder Bernhard sitzen da neben ihr weinen. Hier haben Sie das Fernrohr.
Durch das Fernrohr sah ich nun die blasse Todte mit grünem langen Grase in den langen Haaren — und die Weinenden. Auch die Mutter kam, blieb unter einem Baume stehen, sah mit finsterm Gesicht hin, ob es möglich, ob es wahr sei? und trug das erstarrte Gesicht auf den alten wankenden Beinen in den vielgrünen sonnigen Wald. Und mein Pastor sagte mir: In dem mehr als man geglaubt verständigen China würde Ich, sammt Ihnen und vielen Obern jetzt abgesetzt, weil wir auf solche Dinge des Hauses nicht Acht gegeben; weil wir unsere Leute nicht gekannt. Die Mutter geht nun frei aus; denn bei uns, bei mir und Ihnen hat sie Nichts begangen! Aber sein Sie versichert, es ist der erste Fall, der, oder ähnlicher Art in meiner Gemeinde. Ich fühle, was alles ein evangelischer Geistlicher sein kann und soll. Jetzt essen wir unser Brot fast mit Sünden. Uns fehlt die Kenntniß, der nahe Verkehr mit den Menschen, die Einwirkung zur rechten Zeit; denn was Alle überhaupt sollen, das wissen alle Menschen jetzt auswendig! Wir sind in Trägheit versunken, weil wir die Dinge erwarten, die da kommen sollen! Wir sitzen da wie arme Leute, denen das Haus abgebrannt ist. Das kann und wird kein Verständiger läugnen.
Er war kaum fort, als der arme Herr von Hase zu mir kam, mir zu sagen, daß er mit Brigitten mein Haus verlassen werde. Ihn werde sein Bruder zu sich nehmen. Brigitte hoffe einen Dienst zu finden. — Konnt’ ich das hindern? Hätte ich sogar ihm sein Gut wiedergeschenkt, so fühlte er sich erst recht bedrückt. O wer bedenkt das Wort: Erst der Arme und Unglückliche bedarf erst recht der Freiheit, der Ruhe der Seele.
X.
Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
Jetzt mischten sich natürliche wirkliche Dinge in meine Verhältnisse; wie denn zu jedem Traume — wozu ich viel Mehreres rechne als man glaubt — ein natürlicher, wirklicher schlafender Mensch gehört; wie zu einem Spiegelbild der Spiegel, und zum Opiumtraume das Mohnhaupt, was Niemand genug bedenkt. Nämlich, als ich eines Vormittags drüben in Westfrei Herrn von Heiligenhahn besuchte, fuhren drei Englische Reisewagen mit landesherrlichen Pferdebeinen vor. Ein Diener meldete den Baronet N. Angenommen. Er trat ein. Jeder der zu Fremden die fremde Sprache spricht, wird nur sein eigener Uebersetzer, während der Fremde durch Freiheit und Geist sich ergehend und ergießend dem höflichen Radebrechern der fremden Sprache überlegen wird. Obgleich Herr von Sangallo vortrefflich Englisch verstand und sprach, zwang er nicht sowohl aus Stolz, sondern aus Klugheit den Baronet deutsch zu sprechen. Der englische Irländer war der leibhafte Mann von fünfzig Jahren, dieser wirkliche arme ewige Jude der Männer, der in jedem Geschlecht aber in tausend Exemplaren erscheint, und reeller als jener, wirklich bis zum jüngsten Tage umherwandern muß. Schön gewesen und noch bedauerbar, trug er die Spuren der Gefallsucht und des Gefallens schöner Weiber an ihm, sichtbar als hagere blasse Wangen, düsteren Blick, gezwungene Gradhaltung. Man sah ihm an, daß er nicht wußte, warum oder wonach er nur noch die Hände ausstrecken sollte; was als vornehme Ruhe erschien. Und doch sprachen seine Züge jetzt von wirklichem ehrlichen Kummer und schwerer Sorge, die aber wie eine Strafe auf ihm lag; wie ein Pilger aussieht, der um seiner Sünden willen nach Mekka wallfahrtet. So sagte der eben gegenwärtige Herr von Stifter, der wohl der Mann war ihn zu erkennen.
Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen dem Baronet und Herrn von Heiligenhahn: