Da sehen und hören sie, sprach der Baronet außer sich, weswegen ich Sie um Rath fragen wollte, da ich im Hause meines Banquiers in Hamburg zufällig von Ihrem Schwiegersohn erfahren, mit wie viel Töchtern Sie Gott begabt; zur Strafe oder zum Lohn — wage ich armer Siebenvater nur eines Siebengestirns von Mädchen nicht mehr zu sagen. Mein Bruder, lange General in Indien, lachte mich aus und sagte nur kurz: Alles geschieht „right and noble;“ Strafe und Lohn sind nur die Empfindung der Weltfiguren in rechten oder ignobeln Menschen; so daß dieselbe Figur Zweien, ja Tausenden verschiedene Gesichter schneidet! „Ein gutes Gewissen ist die wahre Freiheit, und erlöst von allen indischen Propheten und Götzen und Bonzen und ihren den Menschen gemachten Aengsten jetzt und in Ewigkeit.“ — Aber was da! Sind Ihnen unter so vielen Töchtern nicht „die feindlichen Schwestern“ aufgelebt? wie mir! Nach allen vergeblichen Zucht-Worten habe ich mich zu ihrem ferneren Bessern nicht entblödet, den Bischof sie admoniren zu lassen. Aber Sie redeten ihn stumm ja sprachlos! — Ich habe sie Jahre lang getrennt. — Doch in der ersten Stunde des Wiedersehens war der Streit ärger wie je! Ich habe sie beide hungern lassen, und in den polnischen Bock gespannt. Seit der Zeit war es gar aus; denn Eine schreibt der Andern ihr Unglück und ihre Schande zu, nicht sich! nicht mir! Am liebsten hätte ich sie verheirathet, beide, oder nur Eine. Aber in meiner Umgebung nahm sie Keiner; denn in der That darf sich kein Mann allein getrauen, was Vater und Mutter nicht im Stande gewesen. Ich besuchte zwei Seasons die Bälle in London. Aber ihr Ruf war ihnen in Gestalt einer verrätherischen Nachbarin vorausgeeilt. Und wer seine Töchter auf jenen großen Mädchenmarkt in zwei Jahren nicht verthan, der ist lächerlich wenn er mit Töchtern wiederkommt, als käm’ er mit großschnablichen Ritterdamen-Schuhen aus der neuern Fabelwelt. Mein Bruder fand die feindlichen Schwestern beide sehr schön und meinte, ihre Feindschaft komme nur daher, daß Eine Sommersprossen habe, die andere Wintersprossen, die auch im Winter blieben. Aber er irrte, sie waren schon Feindinnen als Kinder. Vielleicht haben Sie selbst nun auch so ein Paar Hauszerrütterinnen gehabt, und Sie schlagen mir gewiß nicht ab, das Mittel mitzutheilen, durch welches Sie den Unglücklichen selbst, den fünf Schwestern, der Mutter, mir und dem ganzen Hause den Frieden und die Ruhe, früh, bei Tische und zu Nacht als gründlicher Vater wiedergeben!
So sprach der Lord auf englisch; und bat sich die Antwort deutsch aus; da der Hauptgewinn, fremde Sprachen zu wissen, nur darin liege: die Fremden zu verstehen und in seiner Muttersprache verstanden zu werden, so daß Jeder aus vollem Herzen mit allen Vortheilen des Ausdrucks, allem Reichthum seines Wissens sprechen könne. Etwas verstehen, sei in allen Dingen aber leichter als es selber machen, und die Menschen hätten jetzt zwanzigmal mehr zu lernen, als ein alter Aegyptier, Grieche oder Jude, da die alten Goldbarren des Wissens täglich zu unzähligen Goldschlägerblättchen geschlagen würden.
Unser Herr von Holycock erwiederte ihm, daß er ihm gern die wenigen Lehren mittheilen wolle, wodurch er seine Töchter hoffentlich gut erzogen, und die, aber unermüdlich angewandt, wahrscheinlich ausreichten in den Hauptsachen, um aller Welt Töchter mehr als nur untadlich zu machen. Lieber Herr College, sprach er, wie ich gern sage und gesagt, ich habe mein Amt begriffen und übernommen; denn Ehemann sein, ist ein Amt der wahren Liebe; Vater sein, ist ein Amt der Treue, dem keins vorgeht, als Mutter sein. Neben diesen Aemtern darf jeder Mensch, der Aermste wie der Reichste durchaus kein anderes übernehmen, als so weit es sich mit diesen einzigen wahren Menschenämtern verträgt, sonst wird er unglücklich und macht unglücklich, über alle Maaßen, auf mehre Geschlechter. Ich bin fest überzeugt, daß auf vernünftigeren Gestirnen schlechte Väter und Mütter enthauptet werden; denn Waisen gerathen besser als verzogene Kinder. Ich bin aber auch überzeugt, daß in jener Welt, die wir alle Abend und die ganze Nacht vor Augen sehen, auch Anstalten sind, wo junge liebe Leute zu guten Eheleuten, guten Väter und Müttern besonders erzogen werden; Anstalten die bei uns auf der Erde noch gänzlich fehlen, als auf einem noch ziemlich albernen Planeten; und die doch nöthiger sind als alle Zuchthäuser und Irrenhäuser, welche post festum die Uebel zudecken. Wir armen Thoren fangen alles am Ende an, wie mit der ewigen Seligkeit. Eine der Früchte meiner paar Lehren sehen Sie schon eben dadurch — daß Sie meine Töchter nicht schon hier sehen.
Wie so? fragte der Lord.
Ich habe ihre Neugierde nur auf die wahren Dinge gerichtet, weil ich behaupte: Eher sind die Menschen nicht glücklich, ruhig, noch belehrt und erzogen, bis z. B. kein Mensch mehr nur von der Arbeit wegsieht, und, wenn Sieben Päbste und Acht Kaiser in Parade durch die Straßen ziehen. Diese Ruhe bei allen elenden Vorgängen habe ich meinen Kindern am gestirnten Himmel gelehrt.
Wir wollen doch sehen! versetzte der Lord, und ging hinaus. Und bald trug er auf den Armen eine kleine Araberin herein, eine Zwergin von 17 Jahren, die, wie er nachher sagte, ihm sein Bruder aus Aden mitgebracht hatte. Das unvergleichlich schöne Quasi-Kind mit seinen großen Augen, seiner wie nur angehauchten Farbe vom schwächsten Ton aus Schwarz und Braun gemischt, seine kleinen Händchen mit Fingerchen und Nägelchen, die der schönste Affe nicht zierlicher haben konnte, ein weißer Turban mit Perlen umwunden, die Füßchen, die unter den weiten weißen Höschen kaum Füßchen zu nennen waren, der himmelblaue Kafftan, der silberne Gürtel, sogar die kostbare, im Verhältniß sehr lang zu nennende Tabakspfeife; und die zwei so kleinen Chinesischen Zwerghündchen, daß sie gegen den Newfoundländer füglich Infusionshunde zu nennen waren — das alles hatte die Töchter des Hauses gereizt, hinter dem Fenster hervor und hinaus zu treten; und nun begleiteten sie das liebe Kind Gottes in Jubel herein, wo es sein Herr mitten auf den runden Tisch stellte, aber auch gern die Neugier entschuldigte, welcher sogar „ihre Königin“ nicht widerstanden habe.
In diesen Wirrwarr kam der Herr Postmeister von Rizzi mit seinen Töchtern, um die Eine als Braut, bis zur möglichen Heirath, mit dem ihn begleitenden Postschreiber vorzustellen. — Nun Gott sei gedankt, sprach er in aufrichtiger aber etwas plumper Weise, hier geht es zu Frauenzimmern! — Aber das feine Benehmen des Irländers legte ihm Anstand auf, und er verstand zu schweigen, was sein — wie aller jetzt klugen Leute — größter Verstand war. Die reizende Gouvernante, Miss Denny (Isabella) brachte aus dem Wagen auch Lady Pat (Martha), ihre kranke blasse Herrin hereingeführt, die nach den Begrüßungen sehnlich wünschte, die Frau vom Hause, die glückliche Mutter so vieler Töchter zu sehen und zu sprechen!
Das Verlangen rührte uns alle tief. Denn sie lag in der Gruft in einem weißmarmornen Sarkophage. Und obschon die sonderbaren und wahren Worte mit goldenen Buchstaben über dem Eingange standen:
„Es giebt keine Todten!“