so empfanden wir Bekannte doch bang die Abgeschiedenheit der Gestorbenen; und es ward ernste Stille. Der Wittwer versprach ihr das Bild auch immer noch seiner „Wittwe im Himmel“ in der Gruft zu zeigen, was er nur bei feierlichen Anlässen oder an Geburtstagen, und nur dem Kinde sich satt schauen ließ, dessen Geburtstag war, um es heilig zu halten.

Indessen hatte Afanasia schon sich den Schlüssel zur Gruft geholt; denn der Hofmeister des Baronet, ein, um wirklich schön zu sein, nur zu langer junger Mann, mit zu schmaler Stirn, hatte ihr für den Vater einen Brief aus Hamburg übergeben. Da sie zumeist die Nachrichten von dort betrafen, hatte sie heimlich und schnell den Inhalt gelesen:

P. P. Hamburg, d. 18. Juni 184—

Wir avisiren Sie hierdurch, daß Schiff Kalypso, Capitain Ellis, welches Ihren Herrn Sohn oder Schwiegersohn nach London überfahren sollen, wie man sagt „mit Mann und Maus“ untergegangen ist. Die Stürme waren zu groß, und auch wir haben empfindlichen Schaden gelitten.

Hamster und Comp.

Nachdem die arme Afanasia sich zur Wittwe gelesen, und eine Zeit ohnmächtig gelegen, hatte sie der ambulante Geistliche so gefunden und zu sich gebracht. Sie hatte ihn mit einer schrecklichen Lache von sich gestoßen, ihm den Brief hingeworfen, und sich zur Mutter geflüchtet.

Auf unserem Zuge zur Gruft — denn ein Zug war es — führten die feindlichen Schwestern die Mutter, die ihre Gesundheit über sie beide verloren. Denn beide liebten die Mutter, wenigstens jetzt, wirklich rührend. Die Aelteste litt an Kopfweh, sie überwand sich aber, um mit der Mutter zu gehen. Der Baronet führte sich mit Herrn von Sangallo; die wunderschöne Zwergin Aïscha mit der kleinsten Tochter; Herr von Rizzi konnte sich nicht enthalten zu fragen: Ob die kleine „Apfelsinerin,“ oder „glückliche Araberin“ denn gar nicht zu verkaufen wäre? Er wüßte jemand, der den höchsten Preis für dieselbe bezahlen würde. Er habe die Ehre den Verstorbenen manchmal zu kennen, der Personen und Verhältnissen, selber der Natur gern einen unschuldigen Zopf anhänge. Diesem würde nichts willkommener sein, als eine Zwergenhochzeit, nebst fürstlich gefeiertem Brautlagerchen, und als dann ein winziges Kindtaufen und eine neukindische Menschenrace, da er schon den Stammhalter, den kleinen Adam zu dieser Eva in seinem Schlosse besäße, oder zu Mann und Vater geliehen bekomme; den reizendsten kleinen Hampelmann, der je drei Käse hoch gewesen. Ihm thue der kleine — doch auch Mensch — leid, welcher sogar in dieser mädchensteinreichen Zeit, kein Mädchen, nicht einmal eine arme Wittwe zur Frau finden könne.

Die beiden Väter aber wandelten langsam in ihr Gespräch vertieft. Herr von Sangallo sagte ihm, in Bezug auf die feindlichen Schwestern, deren fast in allen Häusern wären: „Von der Geburt des Kindes muß die Erziehung anfangen; dann sind Vater und Mutter mit dem dritten Jahre in allen Hauptsachen damit fertig. Kenntnisse und Erfahrungen sind ein Anderes; diese gehen ihm dann von Menschen und Welt zu. In den ersten Jahren müssen Neigungen und Abneigungen, Scham und Ehre, Recht und Unrecht, schon entschieden gestimmt und gerichtet werden. Wer das Gute zu erregen, hervorzutreiben und entfalten versteht, was jedem Menschenkinde eingeboren ist, der hat sogar nicht Irriges oder Arges nieder zu halten — es erscheint da gar nicht! Eltern, Geschwister, Beispiele sind die entscheidendsten unaustilgbaren freien Lehrer des Menschen nach seiner Epiphanie, oder Erscheinung auf Erden. Aber da denkt man: Was ist schon so einem stummen dummen Wurme zu lehren? Das kleine Männchen oder Weibchen zermalmen wir sogar immer noch! Es hört nicht, es sieht nicht, es ist kein Geist aus dem Himmel. Zu spät, ist Erziehung — unmöglich. Jedoch will ich Ihnen sagen, was mir in ähnlichem, eingeschlichenem Falle geholfen. Ich bin mit meinen Kindern krank gewesen, mit tausend Vaterleiden; Ich bin mit ihnen gesund geworden, mit tausend Freuden. Meine Kinder sind mir, wie Blumen, alle wie fühlbar in der Brust gewachsen, und stehen noch darin. Ich bin auch mit ihnen krank an Gemüthe gewesen; und ich habe immer Denen zumeist und einige Zeit ausschließlich gehört, die den Vater bedurften, während mein Auge die andern nur leicht überwachte. Verlassen Sie sich in allen Dingen in der Welt am liebsten auf die bessern Menschen. Das ist kürzer und sicher. Denn ist von Zweien schon nur Eins vernünftig und fest, dann müßte das Andere ein Wolf sein, wenn es den Treuen, Sanften noch anfiele! Ich habe mit der sanftmüthigeren Tochter der beiden „feindlichen“ hinlängliche Zeit allein gewohnt, von früh bis zu Nacht und wieder zum Morgen, und kaum etwas anderes gethan, als ihr ihre Fehler in allem Unrecht, in allen Folgen recht klar gemacht; aber ohne Hinterhalt klar und wahr. Und als die Ueberzeugung davon sich in ihr befestigt, entließ ich sie mit der Lehre: „Sage und thue deiner Schwester nur das, was ihr gut und lieb ist.“ Auch das überwachte ich einige Zeit, half es ihr ausführen — und ich hatte nicht nur zwei Herzen gewonnen, sondern alle bemühten sich noch eifriger sie zu übertreffen! Die schlimmere Schwester besiegte die Scham, und nach mancher noch heimlichen Thräne, war sie mein liebstes Kind!“

Also haben Sie auch ein liebstes Kind? Das freut mich! sprach der Baronet.