„Ach, das, dem die Mutter gefehlt hatte! Diesem mußte ich mich ja, billig und recht, mehr hingeben! Ich denke immer, wer Männern treue verständige Weiber, und Kindern liebevolle glückliche Mütter erzogen, der hat mehr gethan, als der Bildhauer Bernini, Thorwaldson oder — Cornelius, deren Werke nicht weiter zeugen, nicht Gefühl und Seele haben, wie die Türken sagen, noch glücklich sind. Die Lebendigen sind die wahren Kunstwerke, denn sie leben, statt in der Vorhölle, gewiß in dem Vorhimmel, wenn nicht geradezu einzig und allein in dem wahren Himmel. Meine Tage, meine Nächte, meine Arbeit und Sorge ruhen in meinen Kindern, sie sind in die übergegangen, sie sterben nicht mehr mit mir, nicht mit ihnen; sie stehen in vielen noch auf. Das ist die Auferstehung des Geistes.“
In einer Gesellschaft werden viele Interessen zu gleicher Zeit verfolgt; Reisende müssen Augen und Ohren immer offen haben, um jede Gelegenheit zu ergreifen; und so hatte die Gouvernante und der lange Pädagog sich zuerst an die demüthige kleinlaute Brigitte gewandt, und bald von ihr herausgebracht, daß sie gern die Stelle einer Kammerfrau bei der Lady ersetzen und mit nach Italien gehen wolle, schon weil sie da in der Fremde diente und vor ihren Bekannten nicht zu Schanden geworden erschien. Sie hatte sich aber hohen Gehalt bedungen, welcher dem Vater in voraus hier ausgezahlt werden und erlöschen sollte, auch wenn sie, ohne ihn abverdient zu haben, in der Fremde stürbe. Das gute arme Kind! Das mußte es wohl vermuthen! So mußte rasch verhandelt worden sein; denn jetzt traten, Lehrer und Lehrerin, beides Deutsche und Protestanten, mit dem schönen glühenden Opferthiere vor den Baronet, es ihm vorzustellen. Er genehmigte alles, wenn Brigitte seiner Frau gefiele — (ob die Frau ihr gefiele, davon war keine Rede) — und wenn wir, namentlich ich, ihr ein gutes Zeugniß gäbe! — Das verwirrte mich, und mein mündliches Zeugniß mochte wohl so feurig und wundersam ausgefallen sein, daß mich Herr von Stifter zupfte, und mir darauf bei Seite sagte: Mit Erstaunen habe ich Sie den schönen Pädagogen mit grimmiger Eifersucht betrachten ja beneiden gesehen! Sie hätten ihn lieber ermordet! Lieber junger Freund, wie viel Schönes müssen wir Andern in der Welt überlassen! Ja wenn wir Einzelnen alle in tausendfacher Gestalt lebten, so würden wir noch nicht glauben: Arme und Lippen genug zu haben! Wir scheitern alle an der Unmöglichkeit. Aber Eifersucht und Neid vollenden oft das, was die Liebe nicht thut; denn was wir glauben auch entbehren zu können, das wollen wir doch keinem Andern lassen, zu solchem Besitz, woran nur zu denken uns Angst macht!
Heute verstand ich ihn noch nicht; und wozu mich der Tag für Tag ängstlicher werdende Mann gern erwecken wollte, und manchmal wiederum nicht; aber da sah ihm der Schelm aus den Augen. Ich sah jetzt nur wirklich mit Neid und Leid das arme Mädchen der Lady vorstellen.
Ihr voriges Gespräch fortsetzend ersuchte der Irländer jetzt einen „Collegen“ Herrn Holycock, ihm diejenigen Hausregeln zu sagen, die er bei seinen Töchtern bewährt gefunden.
Ohne Auslegung ist das mißlich; antwortete ihm der Hausvater. Doch will ich Ihnen bewährte Worte sagen. Es sind etwa nur ihrer Zehn:
1) Mutter und Vater müssen sich lieben, innig und gesund sein und Verstand haben!
2) Bei Tische darf nichts Unangenehmes des Hauses ausgethan werden. Essen ist ein wichtiges Werk.
3) Mutter und Vater dürfen in Gegenwart der Kinder sich nie widersprechen, daß beide heilige Götterbilder bleiben.
4) Eltern müssen in Zeiten der Leichtgläubigkeit der Töchter vorbeugen.