Da die Sache also schlimm werden konnte, so rieth ich meinem Schullehrer in’s Preußische zu flüchten, da noch kein Religionscartel in den Deutschländern bestehe, und sich dort um eine Stelle bei einem Bekannten von mir zu bewerben. Der Mann ging aber nicht; auch mein Pastor nahm keinen Rath an; und ich mußte erstaunen, so feste Ueberzeugungen, so unbewegsamen Muth aus gutem Gewissen zu finden. Mein Pastor hatte auch seinen Brust- und Herzenskranken Bruder bei sich aufgenommen, der katholischer Hof-Prediger in einer Stadt gewesen war, wo die Kirchenmusik von unzähligen Fremden bewundert wird. Ihn hatte die Reue ergriffen; er wollte wieder als Jude sterben, da ihn selber vernünftige Katholiken über manche Worte constituirt hatten. Und ich mußte wieder erstaunen, wie sehr aufgeklärt und vorbereitet eine unermeßliche Zahl deutscher Katholiken ist. Denn sie sind zuerst Menschen und Deutsche; das erklärt alles. Ich reiste, lange gehudelt, mit Extrapost wieder nach Haus. Aber auf der Station unseres lieben Postdirectors fühlte ich mich so unwohl, daß er mich nicht weiter ließ, in seinem schönen Hause, unterhalb der Landstraße in einem großen Blumengarten gelegen, gastfreundlichst aufnahm und selber den Doctor holte. Er fand mich krank an den Folgen der Politik, die jetzt noch zum Unglück unter die Herrschaft des Gallen-Gestirns falle; so daß den Menschen nichts recht sei, geschweige das Ungerechte, Anwidernde und Aufgedrungene. Und doch sei das Beste, daß sich die Menschen noch ärgerten und ergrimmten, (so daß jetzt viele, vom so civilen Militär und so militärischen Civil mit zusammengebissenen Zähnen stürben und im Sarge lägen;) da Lachen und Spotten eigentlich alles gut heiße, und dadurch nichts besser werden könnte. Daher er auch die einreißende und endemisch gewordene Predigerkrankheit, als eine Krankheit der alten mürrischgewordenen Erde, nicht mit repellentibus zu behandeln rieth, um nicht Ausbruch des Wahnsinns zu erzwingen. „Gott, sprach er, von welchem Unsinn und Starrsinn oder welcher Furcht bekommen wir Aerzte die Folgen als Herzschwindsucht, Verstandeschwäche, ja Geistesabwesenheit, Gliederlähmung und Verlust allen Appetites zu leben, in unsere Cur! Die Erde muß vor ihren Kindern erschrecken, welche sauere sardonische Gesichter sie ihr im Sarge heimbringen; und wenn Gott Jedem erlaubt zu petiren, weil die Pfaffen doch dasselbe als beten zur Pflicht machen, so mag ich jetzt nicht droben extrahirender oder vortragender himmlischer Rath sein. Wenn aber die Pfaffen, überführt, daß „zum Himmel beten“ auf Erden petiren sei, antworteten: Gott thue dennoch was er wolle; so wäre die Antwort unwiderleglich: Ja! Aber kein Mensch kann weder für alle wollen noch handeln, und das zu wollen, sei die Blasphemie: sich für Gott zu halten.“

Da hatte ich wieder zu erstaunen: über die Doctoren, sie, die in den ernstesten feierlichsten Tagen zu allen tausend Kranken gehen, mit ihnen und den Gesunden Vernunft reden, und sie über die Zeit und den Tod trösten. Ich wüßte auch gar kein Mittel, — nicht etwa blos Juden Doctoren werden zu lassen, wie es jetzt Tausende werden — sondern das: alle Aerzte vorher acht Jahre Orthodoxie studiren zu lassen. Ich aber war lange Tage krank und lag im Phantasiren oder in Schwäche. Der gute von Rizzi hatte meine rechtschaffene Mutter kommen lassen, und ich hörte wohl sie beide manchmal leise miteinander sprechen und verstand davon die Bitte meiner Mutter: „Nur jetzt sagen wir ihm noch nichts davon!“

Als ich darauf wieder nach den Dingen im Leben neugierig ward, fragte ich den redlichen Postdirector, der nichts auf dem Herzen behalten konnte. Und in großen Zwischenräumen von Nächten und halben Tagen brachte er mir verschiedene Gedanken zum Angehör. Einmal stöhnte er verwundert: „Ein Vater ist doch ein guter Mann; erst ist er aus Liebe der Diener seiner Frau, zuletzt der Sclave seiner Kinder!“ — Ein andermal: „Sollte man es für möglich halten, daß ein Vater fünfzehn Töchtern gestattet: fünfzehn Körbe auszutheilen! Man dankt Gott für Einen Freier, geschweige für ein Vierteldutzend Nehmer!“ — Wiedereinmal: „Sollte mir ein Pfaffe mein Haus zerrütten, alle Pläne ins Wasser werfen?“ Noch ein andermal: „Der gute Irländer! Nun hat er sieben durch die Blattern abscheulich entstellte Töchter, und die Kleine ist ganz blind!“ Aber wir wollen ihn glücklich schätzen; denn nur die kleine glückliche Araberin, oder Apfelsinerin, die Zwergin, ist gestorben. Das verständige Mädchen hat aber ein schönes Wort hinterlassen, nämlich den Trost: „Wenn Ich auch sterbe — wenn Gott nur leben bleibt!“ — Und der bleibt gewiß leben. Der Doctor nennt das Wort vollkommen, wenn, oder da Gott zuvor auch nur allein gelebt hat. Sie ist in Ihrer Kirche beigesetzt. „Unter 9 Tagen kein Begräbniß“ hat der Irländer verordnet, aber er bezahlt Geistliche und Schullehrer alle drei Tage einmal dafür, als wenn sie gesungen, geläutet und auf dem Kirchhofe die Parentation gehalten: „Sie war so fromm! — Sie war so gut!“

So hatte von Rizzi sich die Zunge gelöst und fuhr fort: Aber ihren Chirurgus letzter Klasse, den Salomon sollten Sie einmal sehen! Wer ihn zuvor nicht gekannt hat, der kennt ihn nicht wieder. Aber beruhigen Sie sich: Fräulein Brigitte hat ein offenes Billet für Sie, worinnen Arminia Ihnen schreibt:

„Weiß Gott, was Sie überrascht hat und mich, was Ihnen an mir so gefallen. Aber, ich kann Sie nicht lieben! Ich darf Sie nicht lieben. Wünschen Sie es aber, so will ich zeitlebens unvermählt bleiben; Ihnen zur Ehre und mir zur Strafe.“

Beruhigen Sie sich, damit Sie nichts Falsches denken: Arminia hat dieses Billet schon acht Tage zuvor geschrieben, ehe sie sich des Nachts unbewacht die Pockenmaske vom Gesicht gerissen, und nun schrecklich, statt so lieblich aussieht. Sie bedecken sich die Augen? Ich bedaure Sie. Die Schönheit verlieren, ist kein gemeiner Verlust. Die schöne Braut verlieren, wer kann das ertragen? Aber für Sie wird es einen Trost geben, eine Trösterin: das arme Häschen, die schweigende Brigitte! Ihre Frau Mutter meinen, vielleicht habe es nie treuere, einander selbst Glück und Liebe sich so aufopfernd gönnende Freundinnen gegeben, als diese beiden Mädchen. Aber aufrichtig gestanden: ich habe noch nie zwei Mädchen oder gar Weiber gekannt, die solche Freundinnen gewesen wären, wie viele Jünglings- und Männer-Paare. Doch da müssen noch andere geheime Dinge vorgefallen sein, die....

Meine rechtschaffene Mutter war leise genaht, hielt ihm den Mund: „das Posthorn“ zu, wie sie sagte, und nannte ihn ziemlich verblümt einen Klatscher. Als wir darauf allein waren, sprach sie: „Doch ist er gut und hat Gutes gestiftet, wie immer die Wahrheit thut. Du, mein lieber Sohn, thust am besten: entschlossen und rasch das arme Kind zu nehmen, das dich von Herzen liebt.... aber nicht geathmet hat, sich zu verrathen! Um unseren Verdruß in frohes Geschäft zu verwandeln, werde ich sogleich in der Stadt umherfahren, den Brautstaat und alles Nöthige zu euerer Hochzeit einzukaufen. Mein lieber Sohn, Gott segne Dich! und Dein Weib mit Dir! Du thust den alten Willen der Welt in Deinem; Du thust des Vaters Willen, und nun auch meinen — und dem armen Häschen! Sie weinte; und ich will nicht läugnen: ich verstummte und weinte.“

Ich — ich zog noch einmal Arminien aus dem Grabe, umhüllte sie mit dem Mantel, und sie ruhte an mir. Aber ich versuchte auch Brigitten mir so aus dem Grabe zu ziehen.... und die Sache gelang! Ja, ich trug sie fort, und fuhr mit ihr über den See in mein Schloß zur plötzlichen Hochzeit. Da saßen wir in Gold und Silber am Tische; die Kerzen brannten; vor uns hielten zwei Engel unsere verschlungenen Namen und Brigitte weinte Perlen; ihr alter Vater war vor Freude zum Jüngling geworden, und Herr von Sangallo sang wieder ein „Freut Euch des Lebens,“ daß ich vor Angst aus dem wachen Traume emporfuhr.

Da fragte mich der Postdirektor: Nun? geht die Sache? Das heißt „umsatteln!“ Glauben Sie mir, ich bin fast notorisch ein redlicher Mann durch und durch, liebte und liebe meine einfache Frau einfach; aber wenn sie krank ward und kränker, desto deutlicher flogen auch mir die Gedanken durch den Kopf und wie Federn um die Haare: „Wen wirst Du nur müssen zur Frau nehmen?“ und dann traten auch gleich verschiedene artige Persönchen vor mich hin, die ich sonst nur so gewiß freundlich angesehen hatte, weil ich wußte, daß sie gern Posthorn blasen hörten. So ist das Ding, und so sind wir. Aber wenn wir nun sogar müssen....

Und zu diesem Muß zwingt die Ehre, schloß meine rechtschaffene Mutter; diese langt hoffentlich bei meines Mannes Sohn! Laß Arminien dem Doctor Salomon; denn Doctor will er und kann er nun werden. Uebrigens es gleichsam keine Arminia mehr; ihr schönes Antlitz ist aus der Welt entschwunden; Du wirst sie nicht wiedererkennen, sie wird Dich nicht wiedersehen, Du wirst sie nicht wiederfinden. Wie sich ein Glaube ablösen kann, so kann und muß es die Liebe von verlorenen Dingen und Personen.