Ich war Mann genug mich zu fassen. Doch wie bedauerte ich Arminien, daß sie nicht mehr schön war, daß sie außer diesem höchsten Verlust für ein Weib und einen Freier, noch mehr als blos unglücklich geworden schien, oder war, da es meine rechtschaffene Mutter sagte! Und die Liebe, die sich in Mitleid verwandelt, hat den Keim zum Sterben gekeimt. Aber, wie sie versprochen, half mir meine Mutter durch Vorzeigen der eingekauften Dinge zu einem neuen Leben mit einer neuen Geliebten, oder wohl mit der ersten mir unbewußt-wirklichen, über meine Liebesrevolution hinweg. Ich fing an schon Brigitten zu sehen, wie sie in Thränen ausbrach vor Freuden über das Wort: „Mein Häschen, willst Du mein sein?“ Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, als sie darauf mich mit uralter Gewalt der Mädchengewordenen Natur umschlang. Ich mußte mich freuen. Da schrieb ich zu Tagesschluß in mein „Nächtebuch“ die aus meinen Gefühlen mir zu hellen Krystallen angeschossenen Worte: „Wie süß und schön ist die Jugend! Und kein Kind vermag besser jung zu sein, als unbewußt. Unbewußt ist nicht ungenossen. Darum gehören Jugend und Unschuld so innig zu einander. Der alte Göthe spricht zwar: Was man in der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle. Aber das ist eine barbarische Unwahrheit! Denn was man auch im Alter habe, das hat man nur eben als selber alt, wenn alle Güter nur wenig bedeuten und sind. Denn ihnen fehlt die Glorie der Welt und die Fülle des Herzens. Und so erfreuten zwei Hände voll Kirschen ein Kind mehr, wie die Alten ein Hut voll Juwelen. — Und nun gar erst zwei Hände voll Himmelsgestalt die ein Weib heißt! Ich weiß zwar nicht, was der Geist ohne die Welt wäre, aber ich weiß, daß ich Brigitten nicht heirathete noch heirathen könnte, wenn sie ein bloßer nackter Geist wäre, und das wäre doch Jammerschade! Darum glaube ich mit allen Sinnen und Verstand, mit aller Liebe und Genüge an die Welt, die schöne Welt — das schöne Weib.“
Der Postillon, der mich zuletzt gefahren, hatte mir geklagt, daß er einen gar lieben „Schatz“ habe, mit der er so gern zusammen wolle, wie sie mit ihm. Aber sie hätten nichts und müßten wohl noch 12 Jahre dienen. Diesen hatte ich nun vor eigener Freude, Liebe und Hoffnung das Nöthige, die Heirath anzufangen und fortzusetzen, geschenkt. Sein „Schatz“ war gekommen sich mit Thränen bei mir zu bedanken, da ich sie doch gar nicht kenne und nichts Gutes oder Böses zu vermuthen sei. Darauf schrieb ich wieder in mein Nächtebuch ein schweres Wort:
„Wie arm und elend wäre die Welt, wenn sie nur die Liebe hätte, die sie Andern im Lande beweisen kann! Wie selten, nur bei Gelegenheiten und Noth, die alle Tage mehr verschwindet, könnten die Menschen da lieben? und endlich gar nicht mehr! Auch hilfe Andern die Liebe nichts, nur die Hilfe; höchstens wiederum nur den Helfenden selbst wäre sie angenehm, und Gerechtigkeit und Verstand ersetzen die Liebe nach außen völlig. Aber es ist sonnenklar: Alle sogenannte Liebe ist nur der schwache Abglanz und Widerschein von der Liebe derer, die allein wahrhaft, und, was alle Thoren auch einwenden möchten, heilig lieben; und wahrhaft selig und beseligend lieben nur Mädchen und Jünglinge sich, und als Gatten die Kinder; und die Kinder die Eltern, so lange, bis sie um den Gatten Vater und Mutter verlassen. Ueberflüssig und kein großes Wesen daraus zu machen, wenn nicht fast zum Lachen anstoßend wär’ es zu sagen: Liebender, Du sollst Deine Geliebte lieben! Mutter, du sollst Deine Kinder lieben. — Was ich da heute that, war auch nur ein Ableger, ein Nebenwunsch meiner alten Naturliebe, welche die Vögel und vierfüßigen Thiere, ja alle Elemente auf ihre Weise haben, selber Sonne und Mond, wie Löwe und Tiger. Ich wollte Anderen nur zu dem Glück verhelfen, das mir vorschwebt, wie ich zwei Fliegen nicht störe. Jeder liebt nur die Seinen und das ist für ihr Glück genug. Andere, liebe ich nicht, ich kann sie nicht lieben, und sie bedürfen das nicht, und sind es nicht fähig anzunehmen. Ich kann mir nur aus mir einbilden, daß sie sich lieben, und sorgen, daß ihr Glück gelingt oder nicht verkümmert wird. Amen, für immer.“
Mich erschreckte aber zuletzt meine Sicherheit: Brigitte werde das „Ja“ sagen. Denn „was ich liebe, ist mein“, ist nur eine einseitige leblose Einbildung. Geständlichermaßen lebt die Hoffnung auch nur so lange, bis das Erhoffte wirklich wird, und soll doch das Beste von allen Dingen sein! Credat Judäus, oder das glaubt einmal kein Jude. Der Glaube ist auch nur ein Fürwahr- oder nur ein Fürmöglichhalten des Gewünschten, der geträumte Wunsch, der immer anders geträumt wird, je dümmer, klüger, schlechter oder besser Jemand ist. Weswegen man sagen könnte: Gott glaubt erstaunend wenig, ja gar nichts. Aber die Liebe will erfüllt sein. Sie muß wahr, voll und ganz werden, sie muß es in den Armen halten, es muß sie wieder lieben, was sie liebt. Deswegen ist die Liebe von den berufenen heiligen Dreiköniginnen die vernünftigste und einzig zuverläßigste, allein unentbehrliche. Sie wird erst gültig und lebendig durch den Beweis, und den schönen, den süßen! —
Meine Nachkur hatte aus Tokayer bestanden; ich war wieder ganz der Alte, das heißt ganz der junge; nur wie mir die lieben, in solchen Dingen gar verständigen Töchter Rizzi fünfstimmig sagten, viel interessanter als blos glatte lackirte Jugendgesichter, durch mir sehr wohl stehenden Ernst und Blässe. „Wem die Weiber schmeicheln, der kann glauben, daß er unverschweiglich hübsch ist“ sprach ihr Vater dazu — und bot mir Courierpferde an, mir das Häschen zu fangen. Und ich brannte nach dem lebendigen Beweis. Der Brief meines Vaters befiel mich wie ein Fieber, ich hörte die Ehepredigt im Gewölbe der Kirche hallen, ich wollte keinen Tag, keine Nacht des Lebens versäumen, davon die alles berechnenden Amerikaner für den Ehestand 10,000 zählen, von denen 7000 auf Tara abgehen.
„Wer, der heirathet, denket an Kinder? Die Liebenden wollen nur sich; nur umeinander willen nehmen sie sich. Kinder fallen Keinem dabei ein! Der himmlische Vater sendet dann Kinder nur als kleine Engelseinquartierung; weswegen auch Leute ohne Kinder noch recht glücklich und ohne himmlisch sehnsüchtiges Seufzen leben, so lange sie jung sind — und nichts zu vererben haben;“ sagte mein Pastor einmal. Als ich aber mein Gut, mein Schloß, meinen Garten erblickte und Kinder darin — sah ich schon meine Kinder in ihnen und freute mich! Ich stieg aus. Ich nahte; es waren Kinder aus dem Dorf, die meine Aepfel plünderten. Die Jungen unter dem Baume liefen fort; aber ich half dem Knaben droben vorsichtig vom Stamme herunter, damit er mir ja nicht Schaden nähme! Dann gab ich ihm alle geschüttelten Aepfel für die Andern mit, in seinem schwarzen Schulmantel. Denn, als ich fragte, sagte er mir, sie begrüben den schönen, Zwerg heute, der in der Kirche stehe in seinem Sarge; die Herren und Fräulein wären schon alle darin. — Ich ging in die Kirche, um unter den verwandelten Umständen an dem feierlichem Vorgange mit Ehren schweigen zu können. Das ganze Haus von Heiligenhahn war gegenwärtig; auch Arminien glaubte ich unter dem Schleier an ihrer Gestalt zu erkennen. Ich biß auf die Lippen und stöhnte. Dagegen trugen die feindlichen Schwestern, Miß Dolly und Nolly, ihr häßlich entstelltes Gesicht, mit einem gewissen Stolz ohne Schleier. Der Baronet trat mich an, zeigte mit dem Daumen leise zurück auf sie und sprach: Sie tragen die Patent-Maske von Jenners Erfindung! Dinge, die so furchtbar gemißbraucht und verquacksalbert werden können wie diese verdammten Hölzchen und ***....., sollten gar nicht erlaubt sein. Alle Ehrfurcht vor der wahren Kuh, mit deren Schwanze in der Hand der fromme Inder selig stirbt! Aber allen Volkes abscheulichen Krankheitsstoff seinen Kindern aufladen lassen, das gleicht.... Sie werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage, ich bin indessen mit Weib und Kindern Protestant geworden. Kein Anstoß an etwa vorgeworfener fehlender Mission! Vernunft ist von Gott, und Handauflegen bringt sie nicht hervor. Darum ersuche ich Sie, unserer lieben Aïscha ein Ruheplätzchen in Ihrem Erbbegräbniß zu gestatten! Ich hörte auch von ihr das Märchen: sie sei irgend eines Königs Kind. Sehen Sie das Himmelskind nur an, und Sie werden nicht hart sein! Sie ist eine Fremde!
Ich drückte ihm die Hand. Sein Weib trat hinzu, und ich verhieß ihnen „keine Stelle im Winkel“ beim Kehrig, als sei die Todte die Schande der Gruft. Denn Göthe sagt, sprach ich, oder Schiller:
„Thörig, auf Bessrung der Thoren zu harren!“ Und die alten Grenadiere sagten zu sich bei Lodi: „Laßt uns das Männchen berühmt machen.“
Und wie alberner Stolz verspottet wird, wissen wir. Ich sah mir darauf die kleine Aïscha an, die wie ein himmlischer Schmetterling in ihren reichsten bunten Gewanden, die kleinen Händchen auf der Brust wie zum Gruß vor Gott gefaltet, schön wie ein Engel dalag. — Das Traurigste war mir, sprach die Baronin, das liebe Kind hat nicht nach Vater und Mutter verlangt! So abgewöhnt war sie von ihnen; so bescheiden und gut wollte sie uns nicht einmal im Tode kränken! — Dabei brach sie selbst in Thränen aus. Und doch mußte ich lächeln; denn der Baron hatte ihr, nur am kostbaren Mündchenstück sichtbar, ihre Tabackspfeife zur Seite mit in den Sarg versteckt. Mir gegenüber am Sarge, stand Brigitte mit niedergeschlagenen Augen, und doch übergoß sie Purpur, als ich sie ansah; dann wich sie mit gehobener Brust zurück, hinter die Andern. Denn mein Pastor erschien, und hielt die Standrede über: Das Unglück in der Fremde zu sterben. Er ließ uns nicht nur das liebe Kind beweinen, sondern er wünschte auch uns in der Heimath begraben zu werden; nicht länger, nicht lange mehr selbst in der vermeinten Heimath. Dennoch nur in der Fremde. Er erklärte uns aber, was Fremde sei, und Heimath: das Land des freien Geistes, so daß wir alle ihn wohl verstanden, als er uns mit Imbrunst wünschte: So lebt denn in unverfälschtem Herzen, in unverfälschtem Hause der Welt!