An den Schwestern Sangallo, die doch Trauer um Landgraf hatten, war nichts durch Kleidung Bezeichnendes zu sehen. Wer traurig ist, gedenkt nicht der Farben; wer keine Trauer fühlt, ist ein schwarzer Heuchler mit oder ohne Stockdegen, sagte mein Schullehrer, der mit ihnen vom Chor eine rührende Motette aufgeführt hatte. Als alles aus war, saß Herr von Sangallo noch an der Orgel und phantasirte höchst traurig über die Melodie: „Freut euch des Lebens“ mit Posaunenbaß und Tremulanten! Der Schullehrer stieß mich an; mir fiel bei, daß mit dem Liede ein stiller Irrsinn anfange. Ich unterbrach ihn; er sah mich freundlich an und drückte mir die Hand, als einem armen verlornen Freunde.

Ich ging von ihm auf den Thurm bis zur Durchsicht unter den Glocken. Ich sah nach Westfrei, ganz geblendet von der Pracht am Himmel; denn die Sonne ging unter und alles war golden. Ich wende mich um — da steht Brigitte! nicht etwa wie ein Engel, sondern geradezu als Engel; wenn Menschen, wenn Jungfrauen Erscheinungen auf Erden sind, und wenn hoffentlich nicht aus der Hölle, also gewiß vom Himmel. Federn machen die Engel nicht aus, sondern Schönheit, Liebe, dienstbares Wesen; denn sonst wären die Störche auch Engel, die jetzt mit Geklapper aus ihrem Nest über uns aufflogen, mir zum günstigen Zeichen, als die Schulkinder jetzt mit der schönen hellen Glocke meiner rechtschaffenen Mutter der Sonne zu Grabe läuteten. Ich ergriff Brigittens beide Hände; sie wollte sie zum Gebet falten; ich ließ sie nicht los; und so beteten und so schwebten unsere vier Hände vor ihrer Brust, während unsere Lippen schwiegen. Als die Glocke verstummte, hielt ich es für keinen Raub, sie zu küssen, da sie mit geschlossenen Augen vor mir stand, und gewiß an ihre gestorbene Mutter dachte, zu der sie einen Augenblick hinunter in die Myrrhenduftige Gruft geschlichen war, aber blaß wie ein Schnee daraus heraufgekommen. Denn sie klagte mir jetzt: Man sieht die Todten nicht mehr! Darum hat mir es am tiefsten das Herz durchschnitten, als drunten die kleine Irländerin, jetzt durch die Blattern blind, vom Vater verlangte, daß er ihr ihre Gespielin doch noch einmal im Sarge sehen lassen sollte, wenn auch dann nichts Anderes mehr auf der Welt. Denn die gute kleine Tochter schreibt alles aus grenzenlosem Gehorsam, dem Wunsch und Willen ihres Vaters zu, der ihr jetzt auch verboten habe zu sehen! O wie sie ihn bat, Lichter anzünden zu lassen! und auf die Antwort: „da langen hundert Lichter nicht“, rief: Vater, so zünde tausend an! Darauf trug er sie sich fort. Und Herr von Sangallo flüsterte mir dabei ins Ohr: „Freut euch des Lebens! Freut euch der Töchter! Besonders derer, die dem Vater das Herz zerreißen“ — da meint er Arminien, o Gott!

Sie brach ab. Ist sie denn gar so entstellt? fragt’ ich. Sie schwieg. Und ich fuhr fort: Ich habe schon eine andere Braut; heute Abend kommt sie zu uns zu Tische; da ist Verlobung, und längstens in acht Tagen Hochzeit; denn der Dichter sagt, was alle Menschen fühlen und wünschen:

Unaussprechliches Entzücken

Faßt Dich ganz und augenblicklich —

Ach, ihr Lächeln, ach, ihr Blicken,

Ja, Du bist, Du bist schon glücklich!

Das ist mehr als nur Verheißen!

Doch wo ist sie hingeschwunden?