I.
Wer besitzt, wird besessen.
So hatte ich mich denn angekauft! Vorher frei wie Jeder, der großes oder hinlängliches Vermögen hat, um allen Geschicken eines Landes aus dem Wege zu gehn, war ich nun selber verkauft, an mein Schloß, meinen See, meine Eichen, meine Unter-Herren (denn das heißt Unter-Thanen); mir ging es nur wohl, wenn es meinen Ochsen und Kühen und Kälbern und Fohlen wohlging! Ja, als ich das erstemal den Schäfer sah mit seinem Stabe und Hunde die Schafe austreiben, ward mir so demüthig zu Sinne, daß ich im Geiste als Milchschaf mich unter der Heerde hinwandeln sah, eine stattliche Schweizerglocke am Halse. Mir war ganz demüthig, bis ich mich besann, daß ich doch mehr der Hund, der Wächter, ja der Hirt meiner kleinen Menschenheerde sei... denn, wie mein Doppelgänger, bot mir der Hirt seinen: „Guten Morgen, gnädiger Herr Baron.“ Aber der Hund knurrte mich neubackenen Herrn noch an. — Ich hatte ihn noch nicht geprügelt; wie mir der Schäfer zu thun rieth. Denn Prügeln macht zum gnädigen Herrn! sagte er. Aber ich, mich keinen Augenblick zu verläugnen, sondern sogleich fest und wahr zu erscheinen wie ich bin, ich verbot ihm, bei Cassation ohne Phrase, was er als ohne Fraß... ohne Brot verstehen mochte: mich jemals wieder „gnädigen“ Herrn zu nennen. „Herr“ sei mehr, wenn nicht schon zu viel. Aber die Sprache hat für die neuen Verhältnisse noch keine neuen Ausdrücke.... doch die deutsche Sprache ist bildsam, ja verwandlungsfähig wie der deutschen Gesinnung, und schafft sich noch alles. Wie oft hatte ich Gott heimlich gebeten, mich vor „gnädigem Lächeln, herablassenden Mienen und huldreichen Worten“ zu retten! Meinen Ingrimm wollte ich also, mir zum Heile und Wohlwollen, meinen Unter-Herren ersparen. Es wäre nun noch bedenklicher gewesen, sich in dieser gewitterdrohenden Zeit auf Erdbebenschwangerer Erde anzukaufen; aber meine Mutter wollte nicht nach Massachusets, wo mich mein redlicher Vater bei seinem ausgewanderten Bruder hatte erziehen lassen, um den Deutschen ein antirussisches Beispiel zu geben, und die in freiem Lande erzogenen Söhne gerade nach dem fünfundzwanzigsten Jahre — wo Russen als durchjuftet genug, erst in gelobte Länder reisen dürfen — nach Hause zu nehmen. Bei Ankauf von Gütern in Deutschland machte mir meine Mutter nur zwei Bedingungen aus weiblicher Furcht. „Im dreijährigen Kriege von 1813–15 nämlich war ihre Mutter von den bekannten singenden Bärten „übermannt“ worden und war zum Glück wahnsinnig gestorben. Ihr Vater, gewaltsamer Wittwer, hatte es dafür zum Geschäft seiner Trauer gemacht, den Rettungs- oder Auferstehungs-Menschen überall hin nachzureisen, und in Jahren ein nicht zu verachtendes Werk von sechs Quartbänden mit Illustrationen zusammen getragen, das unter dem Titel „Nebenthaten“ wahrscheinlich jetzt bald erscheinen wird. Ihre Sieben Brüder aber waren, am zerblasenen Werke Napoleons Blutarbeit verrichtend, alle umgekommen, bis auf Einen, der noch ohne Beine dasaß, jetzt 70 Jahr alt. Daher hatte ich als erste Bedingung einen Ort in Deutschland auszusuchen, an welchem weder ein Kosak, noch ein Franzose gewesen war, also wahrscheinlich auch nie Einer mehr hinkäme. Und ein Anverwandter berichtete ihr, daß einige Neugierige aus dieser Gegend am See sogar endlich eine Reise hätten unternehmen müssen, um Franzosen zu sehen, diese Weltwunder und Russen, diese Weltwunder. Die zweite Bedingung war, wenn es einen gäbe, einen Ort auszusuchen, an welchem der Blitz seit Menschengedenken nicht eingeschlagen hätte. Denn sie war bei einem Gewitter mit meinem Vater unter großen einzelnen Tropfen vom Felde nach Hause gegangen, und auf einmal war ihr der Mann, wie auf dem wahren feurigen Wagen Elias so zu sagen: gen Himmel genommen oder gefahren worden, denn er sei mit Haut und Haar verschwunden gewesen. Es war ihr trotz allen Suchens, Rufens und Scharrens auf der schwarzen schwefeldampfigen Erdstelle nichts übrig geblieben, denn als Wittwe nach Hause zu gehen. Den Prozeß wegen hochadeliger Begräbnißkosten an Geistlichkeit, Schule und Todtengräber loci hatte sie mühsam in dritter Instanz zwar gewonnen, aber meine rechtschaffene Mutter meinte, sie hätte für die Prozeßkosten gern 3 Männer sehr adlig begraben.... lassen.... können. Nur der Tischler loci hatte nichts für den, nachweislich nicht gemachten Sarg verlangt! Aber gerade diesem alten armen Manne hatte sie den Preis für den schönsten prachtvollsten Sarg bezahlt, und die arme achtzigjährige Todtenfrau loci für die Einbuße ihrer Einnahme, — auf welche sie sich schon bei einer guten jüdischen Nachbarin Einen Thaler geborgt — so reich bis zu Thränen entschädigt. — Meine rechtschaffene Mutter rieth mir also das Gut Südfrei am See zu erstehen, weil bei Subhaftationen den Bietern noch keine Stühle gesetzt werden. Und warum soll ich es läugnen, mich zog in die Gegend ein einfacher Magnet, die als das schönste Mädchen weit und breit gerühmte Tochter des bankrott gewordenen, alten armen Herrn von Hase; und der achtzehnfache Magnet, die als nereidisch schön bekannten achtzehn Töchter des Herrn von Sangallo, also meines künftigen Nachbars in Ostfrei.
So besah ich mir das sub hasta, wie es lag und stand, zu erwerbende reizende Gut Südfrei. Der Gerichtshalter, der vom Wunsche meiner Mutter nach Gewitterlosigkeit gehört, auch daß sie bei fernem Blitzleuchten oder nur leisem Donnermurren, ja vor einer Wolke, die die geniale kecke Gestalt einer Gewitterwolke trug, schon leise zittre und unwillkührlich und unwiderstehlich, vor Angst zu jedem Geschäft, ja nur zu Ruhe und Schlaf ganz unfähig war, sagte mir daher: Ihrer Frau Mutter zur Beruhigung, gnäd.... verzeihen Sie, Herr Baron, will ich den beiden ältesten Männern des Ortes den Eid deferieren, daß es, bei allen Heiligen! seit sie gedenken können, allhier nicht eingeschlagen hat. Es kostet zwei Lichter — halb! Summa Ein Licht! Und wozu ist die schwarze Schwurgrotte, als daß darinnen soll und muß geschworen werden? Hat mir doch gar ein sogenannter Spaßvogel, oder wohl Ernstvogel, mit Bleistift sowohl aus der alten, wie aus der neuen Diatheke Stellen daran geschrieben, und gesetzwidrige Geister zitiert, die vergeblich behauptet haben: Du sollst nicht schwören. Der Herr Citateur, der wahrscheinlich das berühmte französische Buch „le Citateur“ zu Herzen und zu Verstande genommen, sitzt mir eben criminalisch! Es war mein eigner Gerichtsschreiber! So nahe sitzen uns unsere Feinde, die uns alle untergraben mit unsichtbaren Handwerkszeugen; sie reden mit uns; sie hören uns unterthänigst an; sie preisen sich glücklich: unsere Befehle ausführen zu dürfen; sie essen mit uns, sie schlafen mit uns, sie bewachen uns, so zu sagen! Sie tauchen den Bissen mit uns in eine Schüssel! — So geht es, so steht es. Ja, so steht es. „Der Welt-Lauf“ ist ein bekümmernder Ausdruck geworden, den ein Wurm von Manne sich nicht mehr untersteht im Munde zu führen. Wir alle sind doppelt geworden. Nur daß wir nicht doppelten Gehalt oder Abgaben — beziehen; leider nicht.... außer: Gott bezahlt uns die Gedanken und Wünsche: durch Erfüllung! Denn wir dürfen vertrauen, nicht daß die Welt das Rauhe herauskehrt, sondern das Innere! Daß alles zu Tage kommt, daß es keine Schande, kein Verbrechen mehr ist, aufrichtig zu sein, und daß endlich allen klar wird: aus welchen Fonds eigentlich alles Volk lebt, nämlich aus dem bloßen Herzen; da eine die Juristen und Richter erstaunende Unkenntniß der Gesetze und beklagenswerthe Gleichgültigkeit gegen alle Verordnungen hereingebrochen ist, so daß Einzelne nur noch etwa mit den Strafgesetzen nothgedrungen Bekanntschaft machen, oder bestimmter gesagt, mit den Strafen. Wir, wir leben in dem großen Interim, das gewiß nicht den Schalk wird hinter sich haben dürfen, der eben noch jetzt vielfach verkappt darinnen steckt. Es ist ein gräßliches Wort: Die Erwartung besserer Zeiten hebt schon in Allen alles Alte auf, und Alles ist Traum, oder schlimmer: alles scheint Druck, Ungerechtigkeit, selbst das, was nothwendig und heilsam einst (wünschenswerth: bald) seine ihm leerstehenden Plätze einnehmen wird. Wir wollen also indessen, verehrter Herr Patron, human sein, uns des unschädlichen Alten bedienen — und wollen die beiden alten Bauern das hiesige Gewitter abschwören lassen.
So sprach er und that er.
Auf das ihr eingesandte Schwurprotokoll kam nun meine rechtschaffene Mutter zum Tage meiner Huldigung an. Sie sollte, als noch mit großem eigenen Vermögen behaftet, ja beladen, meine Großalmosenierin werden; ich kannte ihren Wohlthätigkeitssinn: sich alles Häßliche und Dürftige aus den Augen und somit aus der Welt zu schaffen — als Vorbereitung: daß das Schöne und Gute aufkomme und vollständig erscheine. Ich mußte es also ganz anders einleiten, als furchtsame lobbegierige Menschen, die den reisenden Herrschaften alles Mangelhafte, Aermliche und Elende ängstlich verbergen, um ihnen das Mitleid mehr als gnädigst zu ersparen, und jede Verbesserung erst wirklich gottlos unmöglich zu machen. Mein Voigt kam und fragte, ob ich nicht die Wege zu uns ausbessern lassen wollte? und dergleichen. Ich aber befahl ihm: Nichts verkleistert! Nichts verheimlicht! Keinen falschen Schein von Sicherheit, Bequemlichkeit, Wohlhabenheit oder Ordnung. Kein Loch im Wege, im Zaune, im Dache, kein Loch im Rocke ausgebessert! Brechen die Wagenachsen, bleibt der Wagen im Sande stecken, staubt es Wolken, desto besser! Desto besser wird der Weg dann für immer werden! Keinen Bettelmann, kein armes Lumpenvolk, kein Kind im Hemde von der Straße vertreiben! Jeder Krüpel, jedes alte dürre Weib, alle armen Kinder sollen freien Zutritt haben. Wenn alles wohlhabend, zufrieden und fröhlich scheint, wie soll selbst ein barmherziger Bruder, eine barmherzige Schwester oder Dorfmutter, wie nun meine Mutter, einen Funken Mitleid, Lust zu Schonung, Drang zu Besserung fühlen? Keine Ehrenpforte gebaut; kein Halloh geschrieen; außer es machte den Kindern selber Spaß, wie sie Puppenspielern nachschreien. Vielleicht bricht ein Rad an ihrem Wagen zu Nacht, und sie muß einmal zu Nacht essen und des Nachts schlafen wie die gemeinen Leute immer! Das wäre eine Cur, um Respect vor gemeinen Leuten zu bekommen, und das nicht als Träume anzuhören, was sie dann später bitten kommen!“
Und die Speculation: meine rechtschaffene Mutter rechtschaffen zu rühren, statt trunken vor Stolz und Glück zu machen, gelang über Erwartung! Sie mußte richtig im Hause einer armen Familie im Walde übernachten.... wofür sie am Morgen den guten Leuten ein neues Haus versprochen. Die Wege zu mir wollte sie machen lassen. Die gesprungene, abscheulich klirrende wimmernde Glocke, die der Schulmeister zu ihrer Einfahrt mit geläutet hatte, sollte mit einer neuen großen gut metallenen Glocke ersetzt werden, zu welcher sie mir gleich Geld auf den Tisch stellte, indem sie mich der Ueberraschung anklagte und sprach: hätte ich nur nicht im Vertrauen auf deinen guten Kauf die alte Gräfin mitgebracht! Welche Nacht! Welche Bewohner! Sie bekam Grimmen von der Glocke, und der Klang war ihr in die Zähne gefahren.
Das war wohl zum Lachen; so wie die mir dargebrachte Huldigung am folgenden Tage! Alter, Dummheit, Falschheit, Armuth — in Galla! Der hasenmüde Jäger sah mich manchmal an mit fragenden Augen, ob ich ihn nun verabschieden und verhungern lassen würde? Leuten, die nun das Himmelreich erwarten oder die Hölle, muß man doch ein Paar Worte sagen, und ich sprach: „Lieben Menschen und Mitleider dieses Lebens! Ich will Euch nichts vorreden; Ihr sollt mir nichts nachsprechen. Ich will Euch nichts versprechen, da brauche ich nichts zu brechen; Ihr sollt Mir nichts halten — wie Jedem — als die Redlichkeit. Ich will Euch nichts rund absagen und abschlagen; denn es könnten Umstände mich bändigen, daß ich Euch noch mehr als alles, Euch im Herzen durch Worte doch nicht Todtgemachte, sogar anbieten müßte. Sondern wir wollen in unserm Lebensschiffe zusammen verträglich, mittheilend und aufrichtig fahren — und um gut Wetter bitten! Uebrigens: wenn die Blätter abfallen, oder schon die Blüthen — wenn Euch die alten Leute sterben, oder die Kinder; wenn es hagelt oder dürre wird; wenn Unvorsichtige und Dumme Hals und Beine brechen, so wollen wir uns das Unglück einander nicht zuschreiben, noch das Glück. Denn ein Herr ist leider wenig; am wenigsten aber ist ein Herr für alle, die ihn auf dem Kopfe haben: ein Wünschhütlein! ein Eselschlagaus, der Gold verstreut, oder ein Knüppel aus dem Sack gegen alles Mögliche! Selber müßt ihr klug sein und rüstig zur That. Das Uebrige muß die Geduld thun, nicht die Wuth!“ — Meine Mutter, die als Sultanin-Valideh dabei saß, weinte über diese unschuldigen Worte dennoch, wohl nur aus der Rührung, die alle solche Ersten oder Letzten „Akta“ den Menschen erregen. Mein Pastor, ein getaufter Jude, mit dem erwählten neuen Namen „Doctor Schleierlöser“, beglückwünschte mich gehörig und fein bei den Haaren der Seele zupfend. Wie jetzt gewöhnlich, hatte er aus dem Magister-Diplom, das zum Doctor und Magister ernennt, den Magister fallen lassen und den an Luther erinnernden Doctor gewählt. Unglaublich, was Männer im Fache das Fach kindisch macht — er freute sich so fein und witzig über die neue Glocke, wie ich mich als Kind einst, da mein Schaf eine neue Klingel bekommen hatte, die ich, als das Schaf zuletzt denn doch auch gestorben war, mir noch oft vor dem Ohre leise läutete, zu seiner Erinnerung und meiner großen Kinderseligkeit! Ich habe das Glöckchen noch. — Der alte Ziegelstreicher gab mir die Hand; auch der Schulmeister, die Teichwärter und Fischer; der Bleicher; kurz alle meine Vasallen. Zuletzt kam auch der Dorfchirurgus und Barbier, ein schlauer Patron — mein künftiger Hausdoctor, ein Jude, mit seinem nicht weggetauften Namen Salomon. Ich nannte ihn Herr Doctor, als ich mich ihm — als dem nächsten Arzt in der Noth — auf Leben und Sterben ergab; aber er sprach unbeschreiblich würdig und scheinbar spottlos: „Wer hält nicht auf eine Ehre? wer verläugnet den Menschen in Noth seine allerhöchste Wissenschaft! Aber verzeihen Herr Baron, ich bin nur Chirurgus von der letzten Sorte, und darf nur in der allerhöchsten Noth und dringendsten Lebensgefahr — wo wohl grade die allergraduirtesten oder allerkundigsten gewaltigsten Aerzte benöthigt wären — als Nothengel und Nothnagel eingreifen, auch innerlich! Desto getroster sind wir Dorf-Sorte; Glück gehört zu allen Dingen, also auch zu allen Curen; und ich genieße den allgemeinen Ruhm im ganzen Kirch-Spiel um den See, in Ostfrei-, Westfrei- und Südfrei-Dorf, daß ich Glück habe, selber unverdientes Glück, als das angenehmste und wahrste. Fassen Sie Vertrauen zum Glück, erkundigen Sie sich drüben bei Ihrem neuen Herrn Wassernachbar in Ostfrei, dem Herrn von Heiligenhahn; (wie sein Vater seinen auswärtigen Namen Sangallo verdeutscht hat) ich erhalte ihn nebst seinen Achtzehn Töchtern stets gesund! Drüben in Westfrei: den Herrn von Stifter, mit seinen vier Nebensöhnen — immer gesund! Seine Frau, immer sterbend! Selber den Herrn Kriegsrath von Hase, nebst Fräulein Tochter Brigitta hoffe ich gesund zu erhalten, so lange der ausgepfändete blutarme Mann, dessen Gut, unser liebes schönes Südfrei hier, Sie, wie es steht und liegt, sub hasta gekauft haben, bei Ihnen hier im Schlosse bleiben darf. Der so edle, so arme Mann ist unter der Decke der Gesetze schändlich betrogen. Wir Einwohner müssen ja das allgemeine Elend gut machen. Verachten Sie meine Fürbitte nicht, weil ich ein Jude bin! Ich wollte mich taufen lassen und ein Heuchler scheinen, ja sein, wenn Ich — der Kirch-Spiel-Barbier Salomon, dem guten Mädchen helfen könnte!“ — Ich gab ihm die Hand, da ich ihm nöthigen Falls ja den ganzen Leib geben mußte, und wunderte mich nur innerlich: wie gründlich das Volk urtheilen kann; ob es gleich nicht gut ist, wo es klüger und verständiger ist als der Kalender und die Verordnungen der unverantwortlichen Minister oder des Parlaments. Das ist unfehlbar: Demjenigen Reiche ist das höchste Glück zu prophezeihen, welches zuerst nur in seinem Kalender gleich oben zu Anfange das „Jahr von Erschaffung der Welt“ wegläßt. Denn mit diesem Weglaß wirft es sich Gott in die Arme, und eine große Welt-Constitution wird ihm und allen „eine Wahrheit.“
Wie ich sehe, spukte auch in mir ein wenig der Kobold, der neue Herren besitzt — bis sie der Alp drückt. Ich war sehr fröhlich, gut gelaunt und freigebig. Und: ich hatte baar bezahlt! Da fehlte mir der Kummer vieler hundert Güterkäufer; ich hatte also keine Schulden, also fehlte mir das Blei aller Lebensfreude und Unternehmungen vieler hoher und niedriger Herrschaften zu Lande oder des Landes. Sonderbar! Ich schrieb nur neun Zeilen Anweisung an meinen Banquier, so und so viel für meine Rechnung, die und die Zeit, als Kaufgeld für das erstandene Gut des Herrn von Hase zu bezahlen — und nun seh’ ich als Eigenthümer des Schlosses zu seinem Fenster hinaus auf seinen Hof, auf die mühsam erzogenen Rinder, Kühe, Pferde und Schafe! Das alles brüllt, blöckt und wiehert mir! Der Brunnen rinnt mir, die Tauben auf dem Taubenhause girren und trommeln mir — denn ich kann Krieg erklären — ihre Kinder alle — sie selbst müssen für mich bluten und sterben, ja noch schlimmer, sich täglich für mich plagen. Das Wild im Walde, Hasen und Hühner in Busch und Feld sind meine wahren Unterthanen; ich bin ihr wahrer Herr, wie kein Menschenherr über Menschen. Und Herr von Hase wohnt im Kellergeschoß in der Jägerstube, bis auf mein erlaubendes Wort, sich im Walde eine Hütte zu bauen. — Alles für Geld. — Da kommt seine Tochter Brigitte über den Hof vorsichtig; sie hat für ihr erarbeitetes Geld, dem Vater ein Töpfchen Milch gekauft für den Vater und sich zum Abendessen. Sie hat wahrscheinlich auch ein paar Pataten (das klingt englischer und amerikanisch-freier als Kartoffeln) in der heraufgesteckten blauleinwandenen Hausschürze. Die Schürze geht ihr auf. Himmel! die Früchte rollen ihr verrätherisch auf die Erde! Sie wird aber nicht roth! auch nicht blaß, sondern sie bückt sich so, wie alle Mädchen und Weiber allein sich gesund, vorsichtig und anständig bücken — sie knieet auf ein Knie und lieset ihr Abendbrot zusammen ruhig. Aber, mein Gott, das hingesetzte umgestoßene Töpfchen Milch kann sie nicht auflesen! Doch;... sie holt unsere Schloßkatze, die Junge hat, die leckt der Erde den Trunk weg. Nun grüßt sie mich, als sei nichts geschehen, ruhig und bescheiden und geht in das Haus. — Alles für mein Geld! Richtiger: für das Geld, das Er an den betrügerischen Verkäufen verloren. Ich darf ihn und sie nicht so oft mehr zu Tische bitten unter dem Vorwande etwas Gutes aus der Stadt, oder etwas Neues vom Jahre zu haben, denn da ich das Gut und das Schloß, wie es steht und liegt unter dem Matterholze aller Lüderlichen, Unvorsichtigen und schuldlos Armgewordenen, unter dem grausamen Spieße der Juristen, der Hasta, erstanden habe, so esse ich auf ihrem Silberzeuge, ihren silbernen Tellern, mit ihren Löffeln, Gabeln und Messern, auf denen ihr Wappen, ja schon ihr Namen: B. v. H. eingegraben ist! Ich will mein Silber in Gebrauch nehmen lassen. Neulich erklärte sie mir sogar ihr Wappen und die Devise an der Terrine. Welch’ ein Mädchen, welch’ ein Erzieher ihr Vater, wenn das Betragen reine Fassung und himmlische Zufriedenheit ist, wie ich glauben muß. Was kann ein Vater sein, ein Vater thun; welchen Edelmuth, welche Ruhe auf ein Jahrhundert bei seinen Kindern und durch diese bei seinen Enkeln gründen! Und thut das etwa die Gewalt? Oder der Gehorsam! — o Thoren! — Sie scherzt sogar! Sie sah sich inwendig im spiegelblanken Löffel verkehrt; dann auf der äußern erhabenen Seite... erst die Länge... dann die Breite, lachte und sagte: „Wer in einem silbernen Löffel schön aussieht, der ist gewißlich schön. Aber eine Probe ist es nicht.“ Dabei ward sie feuerroth.