Darauf war Pfingsten — das uralte deutsche, nicht erst aus dem gelobten Lande gebrachte Fest. „Denn die Deutschen mustern die ganze Welt durch, und fangen an, gegen alles Ausländische, ohne Ausnahme der Person und der Sache, das nicht aus ihrem Volke und ihrer Seele stammt, einen fast bedenklichen Widerwillen furchtbar im Stillen groß zu ziehen! Deswegen ist es ohnfehlbar interessant, die nächsten dreißig Jahre in Deutschland mitzuleben.“

So sagte mein Großoheim; und deswegen mußte ich nach Deutschland heim und mich in einem kleinem Ländchen mit einem der kleinen Herren ankaufen, die wie kleine Schiffe sicher durch alle Stürme kommen; die nichts Großes gethan haben, denen keine fremde Vergeltung zuhängt, die nicht die Waage in Händen halten, nur Ausgleichungsgewichte sind, am meisten sicher, wie die Zunge im Munde leben, und die Früchte des Lebens am meisten genießen.

Diesen Pfingstsonntag also traf mein siebenundzwanzigster Geburtstag, wozu mir meine Mutter am Morgen Glück zu wünschen kam. Dabei erschien der Geist meines Vaters, in hellem Sonnenscheine, um es wahrhaft auszudrücken: leibhaft. Denn es ist jetzt offenbar, daß auch und gerade die Geister leibhaft sind.

Ich will aber nicht „jungstillingen“ oder „justinuskernern“, sondern wissenschaftlich reden und sagen: meine Mutter übergab mir einen Brief meines Vaters, in welchem sein Geist abgedrückt, eingeschlossen gelebt, und jetzt auferstehen wollte unter der Sonne. Auch mein Pastor, Dr. Schleyerlöser, kam dazu, sah mich mit dem Briefe, wie ich ihm sagte, aus der Unterwelt, in der Hand und sprach: „die Wilden, die Naturmenschen haben von allen Dingen die richtigsten Begriffe, kurz, bündig, poetisch und wahr. Poesie und Wahrheit wird nur von Kindern und kindlichen Menschen durch ungetrenntganze ungeheure unbewußte Kraft verbunden. Ist den Wilden ein Brief — ein Geist, so ist auch nichts wahrer als die Auferstehung! Und Homer, König David, Moses, Sophokles und Hunderte sind alle wahrhaft Auferstandene. Die Geistlosen bleiben im Grabe. Und so nur sind die Auferstandenen noch etwas nütze den Andern, und also auch nur vor ihrem Tode: sich selbst. Was Ihr guter Herr Vater aber selbst indessen wohl machte und dachte? Und ob er was machte und dachte? Wahrscheinlich Etwas! Da Ruhe der Tod ist, Geist aber Leben; und die Welt wirklich ruhig machen wollen, hieße: ihr den Geist abzapfen, beschwören, den Geist todtschlagen.“ — Ich war sehr gerührt, beinahe furchtsam, und Dr. Schleyerlöser setzte hinzu: „Lassen Sie Ihren Herrn Vater auferstehen in sich! Nur durch die Lebendigen stehen die Todten auf, und nur in die Lebendigen. Ohne neue Geister wären alle alten Geister todt. Denn was wollte etwa nur — Elias bei Murmelthieren? oder was geschah den Geistern in der Heerde Säuen...., deren Besitzer bei uns gewiß eine Entschädigungsklage eingereicht, gewonnen, und gehörigen Ersatz erhalten hätte. So ändern sich die Zeiten und die Besessenen.“

Meine Mutter, die wahrscheinlich vom Vater eine Abschrift des Briefes an mich besaß, lächelte mir sehr mütterlich zu, küßte mein Haupt und zog sich mit dem Pastor in die Fensterbrüstung zurück, um die Leute aus den Dörfern in ihren Kirchkähnen über den See kommen zu sehen; unter denen auch, wie ich hörte, der Herr von Heiligenhahn mit seinen 18 Töchtern war, die 3 Kähne füllten. Ich erbrach den Brief. Ein Ring fiel heraus. Ich fand ihn kostbar. Mein Namen stand darin. Der Vater schrieb:

„Mein lieber Sohn!“

„Zuerst sei gegrüßt! innig gegrüßt! Umarmen und küssen kann dich meine Gestalt nicht, die gewiß jetzt aus deiner Seele dir vor Augen schwebt. Vielleicht kennst Du noch das Wort: „Es werden nicht Alle auferstehen;“ aber Vater und Mutter haben das Schöpferrecht im Kleinen: auch todt bei ihren Kindern zu sein, als ihre guten Geister, als die Vollmacht und Vollkrafthaber, Ableger und Geschäftsführer des Alls, als — wie die Alten sagten: die gegenwärtigen sichtbaren Götter. Als solcher Geist rede ich heute zu Dir und mahne Dich: Thue was alle Kräfte zu ihrer Zeit thun, ohne das sie alle vergebens da wären; thue was die Erde alljährig thut, was die Sonne und alle Sonnen thun, was die Wolken, der Blitz, das Gewitter thun: heirathe! heirathe! Heirathen, das ist das Wort, vor welchem die ganze Welt süß bebt, zu welchem die ganze Welt immer fort lebt, sinnt, liebt, drängt und bebt. Du aber suche dazu — ein Bild das dir gleich sei, eine Gestalt, die ohne Dich nichts ist, ohne die Du nichts bist — ein Schatten auf Erden: Nimm eine Jungfrau! zaudre nicht, säume nicht, keinen Tag! Denn über dir stürzen in sausender Eile die Augenblicke dahin, schrecklich in ihrem Schweigen! Zur Verzweiflung dem, wer am Strome des Lebens schlief wie ein wahnsinniger Müller. Jeder Wurm thut alles mit Blitzeseil, was ihm aufgegeben ist; was die Flügel nur regen kann, fliegt sogleich; die schöne Distel ist nur reif, und schon fliegen ihre Kinder an Fallschirmen mit dem eben heranwehenden Winde hinaus: ihr Hauswesen zu gründen! Jede Blüthe, jede Blume blüht kaum auf — so heirathet sie! Der ganze betäubende Frühlingsblüthenduft ist nur Hochzeitduft aus ihren tausend kleinen Hochzeitküchen und Bechern. Nur der Mensch hat Unverstand zu Blindheit und Säumniß; aber Verstand: was er ist, zu sein; was er soll, zu werden. Selber der Bauer sät nicht erst in den Schnee, oder neben die Furche, oder auf des Nachbars Acker! Jede Stunde ist dem Manne, der einem Weibe erwachsen, verloren; und dem Weibe, die dem Manne zusteht, verloren, die sie zu spät heirathen. Ein zu zeitiger Wittwer ist entweder eine Schandthat an den Naturgesetzen oder ein Unglück, groß wie Eins in der Natur. Vaterlose Waisen sind, wenn nicht Mißgeburten, doch Missethaten, Versündigungen an der Schöpfung, mißrathene Selige, nackt aus dem Nest geworfene Junge, von Liebe nicht groß gezogen, nicht Freude der Eltern, Beraubte der Freude an Vater oder Mutter. Eine zu frühe Wittwe, weil ihr Mann seine und ihre Jahre versäumt, ist die größte Leidträgerin der ganzen Welt. Sie muß dulden und verwürgen, was einem Thiere zu hart wäre; sie muß dasein, ohne zu leben! Sie muß aufstehn mit Thränen, und zu Bett gehn mit Klagen oder Verstummen; und was alle Welt erfreut, das bedrückt, erdrückt und erstickt sie fast. Aber auch zu frühe mutterlose Waisen sind elend. Ein früher Wittwer wird ein halbes Weib oder ein ganzer Thor; er verfällt vor Erinnerung in Irrsinn; heirathet er wieder, was freilich selber ein Affe kann, so geschieht es, weil er die Liebe für ein Irrlicht hält, geradezu alle Weiber für Eins, da er die zweite Frau für ein, für sein Weib hält. Und so bahrt er das Hochzeitbett auf dem Todtenbett seiner Geliebten auf, worin ihm die Lebende dann zur Leiche wird, zu gerechter Rache. Darum — halte deine Frau heilig! Die Frau halte den Mann heilig! heiliger wie alle Heiligen und bloße Fürbitter. Mann und Frau sind sich einander einzige, unersetzliche Schätze! Sie bitten nicht für einander, sie leben und sterben für einander, umeinander. Also: nimm eine Frau! und unmißverstehbar: nimm eine Jungfrau zur Frau, die fest und lebenswillig ist, also doch 21 Jahre. Eine Wittwe nehme ein Wittwer allein aus Noth, als dann noch leidlich passend; weil beide schon abgestorbenes Gut sind, beide entzauberte Wesen, mit zerrissener Liebe, ausgespieltem oder verblasenem, zerstücktem, halb im Grabe liegendem Herzen, beide an unsichtbaren Ketten der Todten gehend, beide nothwendig einander nur Klepperbeinsche Magenpflaster, trotz aller aufgekochten Liebe und vergeßlicher Zärtlichkeit und Treue. — Denn die Treue ist, wie du siehst, nur eine gemeine Mitgift der Liebe, eine den Liebenden unbewußte Tugend — trotz aller Güter und alles Goldes, ja trotz eines noch jugendlichen schönen Leibes, selbst wenn der Wittwer oder die Wittwe es vor ihrer Brautnacht geworden. So heilig ist die Liebe — aber verstehe endlich mich wohl und merke es endlich wohl — so heilig ist nur die menschliche bezaubernde wahrhafte Liebe; die uralte, ewig geübt, von Keinem zu unterlassenmögliche! Nicht das Wohlwollen, gleich gegen Alle, was in der Diatheke überall nur Agape heißt, und was Luther aus Mangel unterscheidender Wörter, in dieser großen Natursache so irrthümlich und zuvielverlangend mit dem allen Jünglingen, Jungfrauen und Gatten allein verständlichen und zugehörigen Worte „Liebe“ übersetzt hat! Auf diesen, diesen Zauber durch Schönheit, holdselige Gegenwart mit Leib und Seele, auf dieses Weltwunder allein, was unser deutsches Wort „Liebe“ meint, ist jede Wonne, jede Treue, jede reine hohe feurige Seligkeit der Jugend.... jedes Paares.... jedes Hauses.... also des Volkes, aller Völker, und des menschlichen Geschlechtes begründet! Dies Wort Liebe bezeichnet diesen heimlichen heiligen seligen Zustand allein; wenn Agape, laut allen Griechischen Wortbüchern der Welt, nur Wohlwollen, Wohlthun, sehr eifrig für jeden Andern sein, bedeutet und verlangt. Deine Seele giebt mir so gern, und fromm, und freudig Recht, wenn Du mich weiter hörst. Nur höre unverstockt! Für Andere, für alle um uns, ist diese Agape auch genug, und genügt zu einem freundlichen Zustand im Lande, zwischen Nachbarn der Hütten und Völker; aber Wir fordern für Uns selbst und die Unsern, also für Mutter, Vater, Weib, Mann und Kinder in aller Welt allein die alleinwahre Liebe — und für keinen andern als die Unsern ist sie zu verlangen und zu erlangen; und sie ist für diese nicht etwa nur genug, sondern allein Wonne, Freude und Seligkeit des Lebens. So ist diese endlich erkannte Liebe die Verknüpfung, der Halt, der Preis und Werth des Lebens Aller, Aller, weil sie es von allen wirklichen Paaren ist. Darum nimm die Geliebte zum Weibe! die Liebende nehme Dich zum Manne! Was ihr Euch sonst zubringt, ist alles geringer als die ausschließende, nur durcheinander beseligte Liebe. Nimm es mit ihr, wenn es da ist: Gut und Gold, mächtige Freunde, Wissen und Können — aber aller Welt Kunst und Schätze ersetzen Dir nicht ein Weib, das Du liebst (denn das geht über alles, da ist aller Zauber vollendet) und ein Weib, das Dich liebt (denn da gedeiht Dir Deine Liebe, und bringt Dir Freude und Wonne.) Freude und Wonne... diese zwei Kleinigkeiten der Pfaffen, ohne welche doch ihrer Keiner überhaupt nur da wäre; und nun schütten sie Teufels-asa auf das Aroma der Welt. Diese, die ganze Natur durchglühende, alle Wesen hervorzaubernde, allen Wesen das Leben erst werthmachende Liebe, konnten Leute nicht meinen, die da meinten: Nicht freien, nicht heirathen, ist besser. Bewundern des Schönen, Erstaunen über Lebendiges, allerheißestes Verlangen, süßestes Erlangen, himmlische Gnüge, Begründung unsterblichen Lebens, und noch ein reiner göttlicher Hauch — das alles in der flammenden Seele — ist Liebe! Diese Liebe! allein werth, allein genug: der Inhalt und der Grund des Lebens des Mannes und des Weibes, also allen Volkes zu sein, der Grund aller Reiche, wie die Verehrung des Vaters es ist bei Chinesen. In dieser Liebe ist alles klar, anschaubar, möglich, jedem erfreulich; sie hat die heilige Vernunft, als Verwahrerin vor Selbstbetrug und Täuschung, zur Seite. Siebenmal drei Jahr soll das Weib sein, der Mann neunmal drei. Nur die Ehe zu rechter früher Tageszeit erstickt die Laster der Ehelosen, erspart Schande und bitteres Unglück, erspart unzählige verwilderte Kinder, Kerker, Zucht- und Irrenhäuser, die Pein der Strafen; nur sie giebt das rechte Glück. Dir ist möglich, es zu erlangen. Ergreif’ es. Bei Deinem Wahrsinn oder Wahnsinn —: Du sollst ein Weib haben, ehe das letzte Jahr der rechten Zeit voll wird.

Ich glaube, ich habe Dich bewegt, wenn Du meinen einzigen, dir so gut wie bei Todesstrafe gegebenen Befehl getreu befolgst, wenn ein Weib dir noch neu ist! Alles Erste hat Gewalt des Göttlichen und verbindet auf Lebenszeit; alles Einzige, oder Einziggehaltene bewährt seine Wunderkraft und Herrschaft.

Und so verschwind’ ich Dir wieder, und komme nur noch einmal — in Deiner Todesstunde. Mir wird die kurze Zeit dahin nicht lang; sei sie Dir schön, sei sie Dir werth: daß die Sonne vom Himmel scheint! Du, mein lieber Arminius, befolgtest als Knabe meine geringsten Worte auch hinter meinem Rücken — befolge mein wichtiges Wort jetzt über meinem Grabe. Auch todt, dennoch stets

Dein