Da brachten vier bewaffnete „Funken“ einen verwundeten Mann in den Saal getragen, „englisch“, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen, und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal „stultus in partibus Insanorum“ gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. „Die Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.“

Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und richtig auch Justus Jost, war sein treuer lustiger Kamerad in der lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte, wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich gelingt.

Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn, was ihm fehle — und er zischte: O, ich habe es noch! Alles! und zeigte ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt sprech’ ich schuldlos, und gar erst nun den Willen der Dummen kann ich nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die grausame Strafe, klug zu werden.

Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?

Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit — noch vor Morgen! sprach Jost.

Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.

Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme früh! das hat so seine sterblichen Ursachen! Nun habe ich dich doch wiedergesehen — dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte Freude.

Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.

Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe geschehe.

Die vier bewaffneten „Funken“, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.